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Weimar und Erfurt 2010

CV – Fahrt vom 16. – 18.07. 2010

Reisenotizen von Heinz Betz

Freitag, 16. 07. 2010

Die Hitzewelle mit täglich mehr als 30 Grad Celsius dauert auch am Freitag, 16.07.2010,  an. Um 5.00 Uhr läutet der Wecker. Um 7.30 Uhr steht das Gros der Teilnehmer zur Abfahrt in das verlängerte Wochenende des Aalener und Ellwanger CV vor Walter Mießens Haus in der  Aalener Zeppelinstrasse bereit.  Der Bus mit Fahrer Gerd Rubner kommt wieder von Rühle – Gold in Bartholomä. Reiseziel sind diesmal die  Städte Weimar und Erfurt im Freistaat Thüringen im „Grünen Herzen Deutschlands“, wie es im alten Werbeslogan aus der Zeit vor dem zweiten Weltkrieg schon heißt. Die Organisation liegt wieder in den bewährten Händen von Dr. Walter Mießen. Nach Regensburg, Aachen, Trier und München bringt er uns damit einem fünften Zielbereich in Deutschland nahe und macht uns mit ihm vertraut.   

 Mit 19 Teilnehmern an Bord fahren wir über Biebelried und Schweinfurt über die A 7 und  A70 auf die A 73. Sie wurde auf malerischer, aber technisch schwieriger Trasse nach der Wende mit hohen Kosten für Tunnels und Viadukte durch die Hügellandschaft des Thüringer Waldes  nach Norden gebaut. Eine erste Rast  legen wir an der ehemaligen DDR – Grenze bei Behrungen ein, wo auch Beermanns dazu kommen. Anschaulich und hautnah im Gelände werden wir mit den Sperranlagen vertraut gemacht, die die roten Machthaber gegen deutsche Mitbürger  errichtet haben. Wachttürme, Erdbunker, Sperrgräben, Gitterzäune, Selbstschussanlagen und  ehemalige Minenfelder sind auch hier im „Grenzabschnitt 44“ der sogenannten „Staatsgrenze West“  stumme Zeugen jener Zeit. Als kompetenter Führer des Freilichtmuseums erklärt uns Herr Erhard unter anderem das Funktionieren der Tretminen. Eine davon hat sein zehnjähriger Sohn im Jahre 2001 noch gefunden. Sie war in scharfem Zustand  und wegen ihrer Plastikhülle für Minensuchgeräte nicht feststellbar. Unausgesprochen haben sicher alle das Empfinden, dass man einen solchen Gedenkstop an historischer Stätte den unschuldigen Opfern dieser dunklen Zeit schuldig ist.

 Gegen 13,30 Uhr erreichen wir Weimar.  Zu Mittag gegessen wird gemeinsam  im historischen Lokal „Zum Weißen Schwanen“ am Frauenplan, unmittelbar neben  den Häusern Goethes. Nach Erfrischung und kurzer Mittagsruhe wird unsere Teilgruppe von einem ehemaligen Professor durch die Strassen der  Innenstadt geführt. Wir beginnen am Goethepark vor dem Hotel mit dem Archivgebäude aus dem Jahre 1880. Es geht weiter um die Ecke zum Liszt-Haus und durch die Korridore und Höfe der heutigen Bauhaus-Universität. Wir kommen zum Museum für Vor- und Frühgeschichte, zum Goethehaus am Frauenplan, zum Schillerhaus in der heutigen Schillerstrasse und schließlich über Wittumpalais, Nationaltheater und  Marktplatz mit dem neogotischen Rathaus zur Anna-Amalien-Bibliothek. Anschließend essen wir beide unter den Sonnenschirmen vor dem Restaurant & Cafe „Frauentor“ gut und gemütlich zu Abend. Nach und nach wird diese Oase der Ruhe in der Hektik der Touristenstadt auch von anderen Reiseteilnehmern entdeckt. Ein kleiner Abstecher zu den Sitzbänken unter den schattigen Platanen am Platz vor dem Nationaltheater  rundet den erlebnisreichen Tag ab.  

Samstag, 17.07.2010

Heute ist der Morgen etwas kühler und die Temperatur etwas erträglicher. Das Frühstücksbuffet des Hotels ist vom “British Breakfast“ über Produkte aus der eigenen Region bis zu Lachs und Geldermann-Sekt reichhaltig bestückt. Damit ist die logistische Basis für den zu erwartenden anstrengenden Tag bestens gesichert. Wir haben heute vier Programmpunkte vor uns, die Herr Dr. Rudolph mit uns zu Fuß bravourös und zur Zufriedenheit aller meistert. 

Wir beginnen bei den Gebäuden und Gartenanlagen Johann Wolfgang Goethes am nahen Frauenplan. Durch den Eingangsbereich gelangt man nach links in das Goethe-Museum, nach rechts in Goethes Wohnhaus, das im 18. und 19. Jahrhundert  mehr als 50 Jahre einer der geistigen Mittelpunkte Deutschlands war. Der Innenhof und die 18 Räume im ersten Stockwerk zeigen fast unverändert, wie der große Dichter lebte und arbeitete. Dabei befinden sich im Hinterhaus die Arbeitsräume. In der Bibliothek neben dem Arbeitszimmer stehen rund 6.500 Bücher . Durch den Hausgarten spazierte er oft  und gern mit Freunden. Durch die den Fußgängern reservierte Schillerstrasse kommen wir zum zweiten Besichtigungsort des Vormittags, zum Wohnhaus Friedrich Schillers, das er 1802, nur wenige Jahre vor seinem Tod 1805 erworben hat. Im anspruchslos eingerichteten Arbeitszimmer im Dachgeschoss entstanden bei Kerzenlicht „Die Braut von Messina“, “Wilhelm Tell“ und der Entwurf für den „Demetrius“. Im Gegensatz zu Goethe hat er es im Leben nie zu großem Reichtum gebracht. Während ersterer zum Minister des Herzogs von Sachsen – Weimar avancierte, musste sich Schiller lange Jahre ohne feste Anstellung und als „Deserteur der herzoglich württembergischen Armee“ durch das Leben schlagen, und das als frühzeitig erkrankter Mensch

Um 14,00 Uhr wird das Bauhaus – Museum am Platz vor dem  Nationaltheater besucht. Es vermittelt einen Einblick in die Kunst des beginnenden 20. Jahrhunderts in Weimar, in deren Mittelpunkt das „Bauhaus“ stand. Ins Leben gerufen wurde es 1919 durch Walter Gropius, der die seit 1902 bestehende Kunstschule in Weimar mit der 1907 von Henry van de Velde gegründeten Großherzoglich Sächsischen Kunstgewerbeschule Weimar vereinigte. Das Bauhaus war als eine Arbeitsgemeinschaft gedacht, in der die Unterscheidung zwischen Künstler und Handwerker aufgehoben werden sollte. Durch ihr Schaffen wollten die Mitarbeiter  gesellschaftliche Unterschiede beseitigen und zur Verständigung zwischen den Völkern beitragen. Das Museum zeigt rund 250 Exponate von Lehrern und Schülern des Bauhauses,  darunter wegweisende Werke von Walter Gropius, Johannes Itten, Lyonel Feininger und Marcel Breuer. Für das Museum ist ein Neubau in Weimar geplant. Das Bauhaus selbst wurde 1925 nach Dessau und 1932 nach Berlin verlegt, wo es von den Nationalsozialisten 1933 aufgelöst wurde. 

Kurz erwähnt sei das gegenüber liegende deutsche Nationaltheater, dessen berühmtester Intendant Goethe war. Der heutige Bau wurde aber erst 1908 eröffnet. 1919 trat hier  die neu gewählte deutsche Nationalversammlung zusammen. Für 197 Tage war Weimar zum Parlaments- und Regierungssitz des Deutschen Reiches geworden. Fern vom Berliner Aufruhr wurde im Theater  die erste demokratische Verfassung in der deutschen Geschichte beschlossen. Sie gab der ersten deutschen Republik den Namen Weimars.  

Als Highlight des Tages erwartet uns noch die Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek. Der dreigeschossige Saal gehört zum Schönsten, was uns das Rokoko hinterlassen hat. Er gilt als Pantheon der deutschen Klassik. In den Regalen stehen die Bücher so, wie es von 1850 überliefert ist. An den Wänden hängen bekannte Gemälde, auf den Konsolen stehen die Büsten derer, die das klassische Weimar geprägt haben. Im Herbst 2004 erlebte das Haus eine Katastrophe: Meterhohe Flammen schlugen aus dem Dach. Freiwillige rissen im heißen Löschwasser Bücher aus den Regalen, die eine Menschenkette in Sicherheit brachte. Tausende bibliophiler Schätze  fielen dennoch den Flammen zum Opfer. Dem historischen, 1761 entstandenen Rokokosaal konnte man jedoch seine alte Schönheit zurückgeben. Seit 2007 ist er wieder zu besichtigen, allerdings nur von maximal 290 Personen pro Tag. Durch die rechtzeitige Anmeldung durch unseren Dr. Mießen gehören wir zu den Glücklichen. 
Um 19,00 Uhr versammeln wir uns an weiß gedeckter Tafel zum Festmenü, das wir nach dem langen Arbeitstag redlich verdient haben und nun genießen dürfen.  

Sonntag, 18. 07. 2010

Das Frühstück im „Dorint am Goethepark“ ist üppig, wie immer. Um 8,15 Uhr fahren wir mit dem Bus ab nach Erfurt, in die Landeshauptstadt des Freistaates Thüringen, wo wir nach einer knappen halben Stunde auf dem weiten Domplatz ankommen. Mächtig ragen Dom und Severikirche  in den blauen Morgenhimmel mit seinen weißen Wolkengebirgen. Zwei bestellte Führerinnen erwarten uns schon. Durch die Mettengasse geht es gleich in das traditionsreiche  Altstadtviertel an der Großen Arche. Wir kommen vorbei an einem großen Waidspeicher, heute als Theater genutzt, zum Renaissancehaus „Zum Sonnenborn“, dem Hochzeitshaus der Stadt. Unweit davon liegt die Allerheiligenkirche, heute Kolumbarium für Urnenbeisetzungen. Durch die Allerheiligengasse und die anschließende Waagegasse gehen wir weiter durch das Speicherviertel mit den Fachwerkhäusern der Handelsherren bis  zur alten Synagoge und zum heutigen Kulturhof „Zum güldenen Krönbacken“. Hier steht ebenfalls noch ein weitgehend erhaltener Waidspeicher, wie er für die Zeit  vom 13. bis zum 16. Jahrhundert für die Waiderzeugung, die Lagerung und den Absatz dieser Industriepflanze  charakteristisch war. Am Collegium Maius und der Furthmühle vorbei  kommen wir an das Ufer des Stadtflusses Gera  und zu einer alten studentischen „Burse“. Jeder ordentlich eingeschriebene Student der 1392  gegründeten Universität  musste als „bursarius“, d.h. als „Bursche“,  einer solchen angehören. Wir sehen am Flussufer  die neu aufgefundene Mikwe, das jüdische Reinigungsbad.  Über den Wenigemarkt mit der spätgotischen Ägidienkirche  erreichen wir schließlich die „Krämerbrücke“, die mit ihren Läden und Boutiquen die Gera überquert. Über den Benediktsmarkt am westlichen Brückenende  kommen wir zum Rathaus  am Fischmarkt. Hier war im Mittelalter der Kreuzungspunkt der alten Handelsstrassen. Er gilt als der historische Mittelpunkt der Stadt. Hier künden die gewaltigen Renaissancefassaden  des 1584 erbauten  Hauses „Zum breiten Herd“, ferner des anschließenden  Gildehauses  sowie des benachbarten Hauses „Zum roten Ochsen“ von 1562  mit dem Standbild des Römers von 1591 davor vom Reichtum, der Pracht und der Macht der Erfurter Handelsherren, die keiner freien Reichsstadt als Rückendeckung bedurften, um zu dokumentieren, wer im Wirtschaftsleben des ausklingenden Mittelalters das Sagen hatte. Ein nahezu lautlos vorbeifahrender Straßenbahnzug in modernem Design  zeigt, dass man auch nach dem Ende der Herrschaft der roten Finsterlinge den Anschluss an die Gegenwart in Erfurt nicht versäumt hat. Inzwischen ist es höchste Zeit geworden, dass wir zurück  über den Domplatz und die  Domtreppe mit ihren 70 Stufen um 11,00 Uhr das Hochamt im Dom St. Marien nicht versäumen.  Der Ostchor ist bis auf die letzten  Plätze im altehrwürdigen Chorgestühl  voll besetzt. Endsprechend  gestalten sich Beten und Singen, aber auch Predigt  und Liturgie in der Eucharistiefeier  unter dem gewaltigen Barockaltar mit Wechselbildern aus dem Marienleben.. Auf dem Weg zum Mittagessen in die Altstadt machen wir noch einen  Abstecher zur Predigerkirche, die von den evangelischen Christen schon vor dem Tridentiner Konzil ( 1545 –1563 ) übernommen wurde und deshalb einen Lettner hat. Im Kulturhof „zum güldenen Krönbacken“ versammeln wir uns zu einem üppigen thüringischen  Mittagessen bei süffigem „Paulaner“ aus München. Was könnte ein sichtbareres Zeichen für die wachsende deutsche Einheit auch in glühender Sonnenhitze sein ? 

Um 14,15 Uhr geht das Programm des Tages weiter. Gemeindereferentin Cordula Hörbe informiert  im Gemeindehaus der Dompfarrei über innovative Projekte in Diözese, Stadt und Umland. Anschließend erleben wir noch von einem jungen Dr. theol.  eine interessante Führung durch den Dom und die Severikirche. Das erste Gotteshaus auf der beherrschenden Höhe über der Gera   dürfte im  Jahre 725 entstanden sein, als der Papst die Thüringer aufforderte, dem Glaubensboten Bonifatius ein „Haus“ zu bauen. Ein Bistum wurde gegründet, das aber bald wieder aufgelöst und dem Bistum  Mainz angegliedert wurde, bei dem das Gebiet auch politisch bis zum Jahre 1803 blieb. 311 Jahre dauerte schließlich der Bau der 1154 begonnenen spätromanischen Basilika St. Marien, die erst im Jahre 1465 fertiggestellt wurde. Erwähnenswert sind die darin um die  Mitte des 14. Jahrhunderts entstandenen Chorfenster, die zu den bedeutendsten Zeugnissen mittelalterlicher Glasbildkunst gehören. Aus der Zeit um 1160 stammt auch der im Osten des Langschiffs stehende „Wolfram“, eine fast lebensgroße Plastik eines Leuchterträgers, der wahrscheinlich in Magdeburg gegossen wurde. In der  gleichen Zeit entstand eine romanische Madonna aus Stuck, die in die Wand eingelassen ist.  Nicht unerwähnt bleiben darf die „Gloriosa“, die Königin aller Glocken, die im mittleren Domturm hängt. Sie ist 2,50 Meter hoch und 11,45 Tonnen schwer und  darf nur noch an besonderen Tagen des Kirchenjahres geläutet werden. In der um1335 vollendeten gotischen Severikirche stellt der Sarkophag des heiligen Severus  eine der großartigsten Leistungen der deutschen Bildhauerei dar. Die Gebeine des heiligen Severus gelangten über mehrere Stationen im Jahre 836 nach Erfurt. Die Kirche wurde vermutlich von einem zweiten Kollegiatstift und einem Benediktinerinnenkloster auf dem Berg genutzt.  

Die Zeit schreitet fort. Mit einem Weizenbier unter den Sonnenschirmen am Rande des Domplatzes klingt die Wissenschaft aus. Um 17,15 Uhr startet Fahrer Gerd Rubner mit dem gut klimatisierten Bus. Ohne Unterbrechung fährt er die Strecke bis  Ellwangen ab, wo wir gegen 21.00 Uhr wohlbehalten ankommen. Dass der Jahresausflug der Ostalb-CVer ein voller Erfolg war, bringt Wolfgang Grothe in seinen Dankesworten an Walter Mießen zum Ausdruck. 

 
 
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