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Religiöse Unbekümmertheit in areligiöser
Umgebung
Pastoraltheologische Anmerkungen zu einer
Diasporasituation der „dritten Art“
Karl Schlemmer
Vorbemerkung
zur Orientierung:
„Diasporasituation der
ersten Art“:
eine
christliche Konfession ist gegenüber einer anderen christlichen Konfession
in der Minderheit;
„Diasporasituation
der zweiten Art“:
das Christentum ist gegenüber anderen Religionen in der Minderheit;
„Diasporasituation
der dritten Art“: das Christentum ist
gegenüber Areligiösen oder Untheisten in der Minderheit.
Der in der DDR aufgewachsene Schriftsteller Erich
Loest („Nikolaikirche“) schreibt in seiner Autobiographie von sich
folgendes: „Ich war in einem lässlich evangelischen Christentum
aufgewachsen, mit fünf betete ich abendlich, mit sieben quälte mich ein
schlechtes Gewissen, wenn ich es eine Woche lang vergessen hatte....Die
Konfirmation war eine tiefe Enttäuschung, und vom nächsten Tag an war ich
Atheist. Besser: Ich war Untheist. Gott existierte für mich nicht mehr, kein
Glaube gab mir Kraft; Religion oder Nichtreligion wurden mir nie wieder zum
Problem. Eine Zeitlang allerdings beneidete ich die, die einen Gott besaßen,
das war viel später, als ich im Zuchthaus in Bautzen ganz allein war, da
hätte ich Gott brauchen können. Aber kurzfristig lässt sich Gott nicht
aufbauen, und ich versuchte es auch nicht erst“. Die DDR hatte Loest wegen
„konterrevolutionärer Gruppenbildung“ sieben Jahre in das berüchtigte
Stasi-Zuchthaus Bautzen weggesperrt und zum Staatsfeind erklärt, obwohl er
mit dem späteren Volkskammerpräsidenten Horst Sindermann in jungen Jahren
Fußball gespielt hatte. Neben dieser ostdeutschen Äußerung möchte ich eine
westdeutsche daneben stellen, die von Marcel Reich-Ranicki, dem
Literaturpapst des Fernsehens und neunfachen Ehrendoktor: „Einer jüdischen
Maxime zufolge kann ein Jude nur mit oder gegen, doch nicht ohne Gott leben.
Ich habe nie mit oder gegen Gott gelebt. Ich kann mich an keinem Augenblick
in meinem Leben erinnern, an dem ich an Gott geglaubt hätte. Die Rebellion
des Goetheschen Prometheus - `Ich dich ehren? Wofür?’ - ist mir
vollkommen fremd. In meiner Schulzeit habe ich mich gelegentlich und
vergeblich bemüht, den Sinn des Wortes `Gott` zu verstehen, bis ich eines
Tages einen Aphorismus Lichtenbergs fand, der mich geradezu erleuchtete -
die knappe Bemerkung, Gott habe den Menschen nach seinem Ebenbild
geschaffen, bedeute in Wirklichkeit, der Mensch habe Gott nach seinem Bild
geschaffen.... Dank Lichtenbergs effektvoll formulierter Einsicht fiel es
mir noch leichter, ohne Gott zu leben. Und im Blick auf den Tod meines
Bruders im KZ frage ich noch einmal, warum musste er sterben, warum durfte
ich am Leben bleiben? Ich weiß, dass es hierauf nur eine einzige Antwort
gibt: es war purer Zufall, nichts anderes. Doch kann ich nicht aufhören,
diese Frage zu stellen.“
1. Das Phänomen der Areligiosität
Diese Äußerungen habe ich ganz bewusst
zitiert, da sie einiges zum Verständnis unserer Thematik mit beizutragen
helfen. So ist es also möglich, selbst in Krisensituationen und angesichts
fundamentaler Fraglichkeit mit einer areligiösen Option zu leben.
Reich-Ranicki hat das Warschauer Ghetto und ein jahrelanges Versteck in
Polen überstehen müssen, Loest war sieben Jahre im gefürchteten Bautzen
inhaftiert. Wenn dann Loest sich „Untheist“ nennt, handelt es sich bei
dieser Areligiosität also nicht um einen Atheismus im klassischen
aggressiven Sinn. Und wenn schließlich Reich-Ranicki die bekannte
Projektionstheorie von Ludwig Feuerbach in der Lichtenberg-Version zitiert:
Der Mensch schaffe sich Gott nach seinem Ebenbild - oder Loest: er baut
sich Gott auf - , dann sind das Beispiele, wie der homo areligiosus
sich seine Vorstellungen über den homo religiosus macht, weil er ihn
so zu verstehen hofft.
Dass sich Erich Loest als Untheist und
nicht als Atheist bezeichnet, zeigt auf, wir haben hier keine Atheisten vor
uns, da sie keine Position bezüglich der Gottesfrage einnehmen, wir haben
hier auch keine Agnostiker vor uns, die sich in dieser Frage aus bestimmten
Gründen enthalten, sondern wir haben Menschen vor uns, die sich an der
Abstimmung, ob es zum Beispiel Gott gibt oder nicht, schlicht nicht
beteiligen, weil sie zumeist gar nicht verstehen, worum es bei dieser Frage
überhaupt gehen könnte. Diese Leute könnte man als indifferent bezeichnen,
doch dürfte „areligiös“ wohl stimmiger sein; denn sie haben vergessen, dass
sie Gott vergessen haben. Dies kann auch deutlich gemacht werden durch
DDR-Nostalgie aus der neuesten Zeit. Weltanschauungen stehen für solche
Leute unter dem Generalverdacht, Menschen im Handeln und Denken
einzuschränken, sie zu verführen und zu missbrauchen. „Ich lehne alles ab,
was mit Massenzwang zusammenhängt, was Menschen einzwängt. Religion ist
etwas für Träumer und Fantasten“, sagt ein 51-Jähriger. Allerdings blendet
dieser stramme DDR-Nostalgiker völlig aus, wie repressiv und
menschenverachtend seine untergegangene DDR, die er sich zurückwünscht, mit
Menschen umgesprungen ist. Religion spielt also für diese Leute kaum eine
Rolle, obwohl verschiedene von ihnen durchaus etwas mit dem Begriff „Bibel“
anzufangen wissen. „Soll ich wohl jetzt in die Welt rausgehen und den
barmherzigen Samariter spielen? Das mach’ ich schon von mir aus, dazu
brauche ich solche Geschichten nicht zu lesen“, meint eine 53-Jährige. Von
daher ist ein verunglimpftes Honecker-Zitat durchaus stimmig: „Den
Sozialismus in seinem Lauf halten weder Religion noch Kirchen auf“.
Doch solche Anschauungen werden durchaus
auch von vielen Zeitgenossen in den säkularisierten alten Bundesländern
dezidiert vertreten. Zusätzlich ist mit zu bedenken, dass wir Christen mit
diesen Mitmenschen zwar Wand an Wand leben, aber offenbar in sehr
verschiedenen Welten, was beiderseits oft zu wenig beachtet wird. Von daher
wird dann einsichtig, dass die Bezeichnungen „Atheisten“, „Nichtchristen“
etc. zur binnenkirchlichen oder binnenreligiösen Terminologie gehören,
welche vom Gegenüber als Selbstbezeichnung nur auf diesem Umweg wahrgenommen
und übernommen wird. Einer, für den die Problematik der Existenz Gottes
außerhalb des Bewusstseins liegt, kann auch mit deren Verneinung nichts
anfangen und ist für sich selbst daher weder Atheist noch Areligiöser noch
Konfessionsloser: Areligiöse sind also (für sich) nicht „Areligiöse“. In
hohem Maße nun ist diese Haltung Milieu bedingt. Vorab zeigt sich dies in
den neuen Bundesländern. Aber auch in der alten Bundesrepublik gelten
weltanschauliche Fragen zunehmend nicht als Gegenstand lebenspraktischer
Auseinandersetzung und persönlicher Entscheidung, sondern man holt sich die
Antworten, wenn solche überhaupt gesucht werden, sozusagen aus zweiter oder
dritter Hand, nämlich aus dem Bereich religiöser Unbeschwertheit und
Ungebundenheit.
Im
Trend scheint also schicke Religiosität zu liegen, weniger gefragt ist
religiöser Tiefgang. Die Verantwortlichen in den Kirchen sollten daher nicht
allzu leichtfertig und blauäugig von einer Wiederkehr und Renaissance des
Glaubens sprechen, es könnte sich nämlich ein böses Erwachen einstellen. Und
wenn in anderen Zusammenhängen einer „Rückkehr des Religiösen“ oder gar
einer „Desäkularisierung“ das Wort geredet wird, dann sind solche
Behauptungen in keiner Weise mit den Realitäten kompatibel. Für nicht wenige
Religionssoziologen kann eine Renaissance der Religion in den Ländern der
westlichen Zivilisation empirisch kaum belegt werden. Darum ist auch die
Behauptung, dass 77% der Europäer an Gott glauben (Bernhard Grom in:
„Stimmen der Zeit“), höchst relativ; es müsste nämlich gefragt werden, um
was für einen „Gott“ es sich hier denn handelt. Die in den vergangenen
Jahren verstärkte mediale Präsenz von Religion, nicht zuletzt inszeniert
durch den Wojtyla-Papst, „muss von der alltagspraktischen Bedeutung von
Religion, der Bedeutung von religiösen Praktiken und Überzeugungen für die
Lebensführung des Einzelnen unterschieden werden“ (Detlef Pollak in: „Herder
Korrespondenz“). Und soweit man Auskünfte seriöser repräsentativer
Befragungen der letzten Zeit ehrlicherweise heranzieht, kommt man an der
Tatsache nicht vorbei, dass sich eine Trend-Umkehr nicht feststellen lässt.
Daran werden auch Papst-Besuche, so wichtig und erfreulich sie jeweils sind,
nichts zu ändern vermögen – mag das Wunschdenken pastoral arglos-naiver und
die klaren „Zeichen der Zeit“ nicht wahrnehmender Bischöfe von besuchten
Diözesen noch so groß sein. Die geradezu hysterische Züge aufzeigende
Papsteuphorie im Jahr 2005, vor allem bei jungen Menschen, kann also niemals
ein Gradmesser für eine Glaubenserneuerung sein; dies gilt ebenso für die
Weltjugendtage, wenn sie nur Events bleiben und zu keiner echten
Christusbegegnung und –erfahrung führen. In der „Papamania“ der letzten
beiden Jahre mögen viele auf einmal „papstfromm“ erscheinen. Aber diese
vermeintliche Renaissance des Religiösen bedeutet nicht das Ende der
Religionskrise und erst recht nicht das Ende der Gotteskrise. Einer
Kuschel-Religion, Religion als Gefühl stimmt man heute zu, den Anspruch des
personalen Gottes jedoch lehnt man entschieden ab. Die neueste umfangreiche
Studie, die der Würzburger Religionspädagoge Hans-Georg Ziebertz unlängst
erstellt hat, sowie die 15. Shell-Jugendstudie vom September 2006 vermögen
diese Feststellungen klar zu belegen. Aus ihnen geht eindeutig hervor, dass
immer mehr Jugendliche sich als nicht kirchlich-religiös verstehen, obgleich
sie paradoxerweise wünschen, religiöse Erfahrungen machen zu können, und 67%
der jungen Leute es für gut finden, dass es die Kirchen gibt. Die Bänke
unserer Kirchen werden also an Sonn- und Feiertagen bis auf weiteres nicht
von Heerscharen junger Leute eingenommen werden.
2. Unbesorgtheit gegenüber Kirche
Von daher muss es nicht verwundern, dass
auch katholische Christen im Umgang mit ihrer Kirche von immer mehr
Unbekümmertheit und Unbesorgtheit geprägt sind. Hier handelt es sich nicht
um eine Unbekümmertheit, die auf einen „Anstaltsgehorsam“ (Max Weber)
basierte, der bewirkt hat, sich vom Glauben durch das Leben - auch in
Leiden und Schicksalsschlägen - tragen zu lassen. Vielmehr macht sich seit
Jahrzehnten unter den erwachsenen Katholiken aller Stände, also nicht nur
unter Laien, eine neue Unbekümmertheit um den „Anstaltsgehorsam“ an sich
breit. Am auffälligsten zeigt sich diese Unbekümmertheit am Umgang mit den
so genannten Kirchengeboten, die seit dem 4. Laterankonzil im Jahr 1215 und
verstärkt seit dem Tridentinum (1546 – 1563) als allgemeine, hochgradig
verpflichtende Minimalnormen für alle Katholiken gleichermaßen gelten sollen
und dementsprechend auch an zentraler Stelle, oft nach den Zehn Geboten, in
den vorkonziliaren Gebetbüchern abgedruckt waren. Zu ihnen gehört das Gebot,
die Sonn- und Feiertagsruhe zu halten, an diesen Tagen die Messe
mitzufeiern, die Fast- und Abstinenztage zu pflegen und mindestens einmal im
Jahr, und zwar zur 0sterzeit, zur Beichte und Kommunion zu gehen. Diese
Kirchengebote wurden erlassen und bekräftigt, weil in den damaligen Zeiten
der Besuch der normalen Sonntagsgottesdienste und der Empfang der Sakramente
stark rückläufig waren.
Im 19. Jahrhundert noch als „heilsame Gewalt“ bezeichnet, wurden die
Kirchengebote, die seit 1983 auch Aufnahme in das kirchliche Gesetzbuch (CIC
can. 1247) fanden, als unter schwerer Sünde verpflichtend erklärt, als auch
mit geistlichen Strafandrohungen verknüpft, so mit der Androhung des
Verlusts der jenseitigen Heilsgüter. Auch der 1992 veröffentlichte
„Weltkatechismus“ erklärt das absichtliche Versäumnis der sonntäglichen
Messfeier zur „schweren Sünde“ (Nr. 2181 f). Auf diese Weise erleben wir
gleichzeitig die formelle Aufwertung der Gültigkeit der Kirchengebote und
die informelle Abwertung ihrer faktischen Geltung.
Die zahlreichen statistischen und
demoskopischen Erhebungen der letzten Jahrzehnte verdeutlichen einen
massiven Wandel der kirchenbezogenen Religiosität und damit auch eine
Erschütterung der institutionellen Kraft der katholischen Kirche. Zudem
zeigt sich, dass es immer weniger möglich geworden ist, die „Religion“ und
„Religiosität“ selbst der Kirchgänger ohne weiteres mit den institutionellen
Erwartungen der Kirche zur Deckung zu bringen. Bereits in den 1970er Jahren
verliert die Leitidee der Kirche als Heils- und Gnadenanstalt deutlich ihre
Plausibilität. Seit diesen Jahren wird Nichtmitgliedschaft in der Kirche
auch für bürgerliche Kreise möglich und ist nicht mehr etwas, was einen
Nazi-, Kommunisten- oder Sozialistenmakel trägt. Auf biografischer Ebene
zeigt sich eine Häufung der Austritte zwischen dem 27. und 33. Lebensjahr,
also im Kontext des Einstiegs in das Berufsleben und von Familien- bzw.
Haushaltsgründungen. Kirchensteuereinsparung ist wohl ein Anlass, aber nicht
die Motivation, die sich zumeist biografisch früher herausgebildet hat, am
nachhaltigsten im jungen Erwachsenenalter, das am deutlichsten in
Kirchendistanz steht. Dies zeigt sich vielfach auch am ehrfurchtslosen und
lässigen Verhalten und Umherstolzieren, natürlich mit Mütze oder Hut auf dem
Kopf, in Kirchen, die man ob ihrer kunsthistorischen Bedeutung gesehen haben
„sollte“. Hier spielen gewiss auch mit herein Frustrationen oder seelische
Verletzungen, die nicht zuletzt auf kirchliche Amtsträger zurückzuführen
sind.
In diesem Zusammenhang ist noch kurz auf ein Phänomen hinzuweisen: Im Jahr
2004 kamen auf je 100 Kirchenaustritte 13 Eintritte oder Wiederaufnahmen,
wobei letztere tendenziell zunehmen. Das Potential der „Heimkehrer“ ist
durch die große Zahl an Austritten gewachsen, es liegt aber wohl keine
„Heimkehrer- oder Umkehrer-Bewegung“ vor, wie manchmal allzu euphorisch
behauptet wird. Die Betroffenen nehmen sich nämlich durchgängig nicht in der
Rolle eines „Bereuenden“ oder „Umkehrenden“ wahr. Überhaupt sollte so
mancher Kirchenobere diesbezüglich seine unrealistischen Euphorien
zurückschrauben.
Während die Nachfragen nach Taufe und
Beerdigung über die letzten Jahrzehnte relativ konstant nach unten gingen,
zeigt die Kurve der Trauungen ein geradezu massives Absinken. Hier schlägt
sich zum einen nieder, dass nur noch eine Minderheit der zivilen
Eheschließungen homogam oder wenigstens einen katholischen Ehepartner
aufweist. Zum anderen wirkt sich auch das kirchliche Trauungsverbot bei
Wiederverheiratet-Geschiedenen aus. In Deutschland war 2003 jede vierte (zivil)heiratende
Person zuvor schon verheiratet. Immer mehr Kinder werden auch auf
katholischer Seite nicht im selben Jahr getauft, in dem sie geboren wurden;
und immer weniger Kinder wachsen in einer Familie auf, in denen mindestens
ein Partner katholisch ist. Hier wird bereits deutlich, dass die
traditionelle Koalition von Kirche und Familie, welche die kirchliche
Primärsozialisation weit gehend sicherstellte, zum Auslaufmodell wird.
Kehren wir in diesem Zusammenhang
nochmals zum sonntäglichen Gottesdienstbesuch zurück, der extrem rückläufig
ist. Gingen im Jahr 1950 im Bundesdurchschnitt noch mehr als die Hälfte
aller Katholiken sonntags in die Kirche, so waren es im Jahr 2004 nur noch
15 Prozent, in manchen Regionen sogar unter zehn Prozent. Somit verstoßen
immer mehr Katholiken hierzulande Sonntag für Sonntag gegen ein zentrales
Kirchengebot, das sie selbst subjektiv möglicherweise gar nicht mehr als
eine Norm interpretieren. Damit verliert diese Norm an faktischer
Verbindlichkeit, aus einer Muss- oder Soll-Norm wird eine Kann-Norm. Ganz
unbekümmert gehen also inzwischen die Katholiken im Hinblick auf die
Sonntagsmesse ihre eigenen Wege. Und die müssen nicht immer von einer
negativen Einstellung gegenüber der Gottesdienstfeier geprägt sein, sondern
ganz im Gegenteil haben gerade kirchlich engagierte Christinnen und Christen
hohe Qualitätsansprüche an Verkündigung und Feier des Gottesdienstes. Wenn
dann z. B. all dem das kirchliche Bodenpersonal durch grottenschlechte
Predigten und liebloses Abzelebrieren der Messe nicht gerecht wird, dann
stimmen eben Katholiken, die tiefer bohren, unbekümmert mit den Füssen ab,
weil ihnen dadurch letztlich auch die Zugänge zu Gott verstellt werden.
Dieses Wegbleiben schulden sie schließlich ihrer seelischen Hygiene. Die
Kirchenbesucher-Frequenz der Katholiken nähert sich somit deutlich
derjenigen auf evangelischer Seite an, die nach wie vor bei vier bis fünf
Prozent liegt. Angesichts der fortwährenden alterslastigen Altersstruktur
der Gottesdienstbesucher wird diese Annäherung wohl in den nächsten zehn bis
fünfzehn Jahren in den meisten deutschen Diözesen vollzogen sein. Die
älteren Leute heute, die noch den Sonntagsgottesdienst mitfeiern, erhalten
auf Dauer immer weniger „Nachwuchs“.
Kollabiert ist regelrecht das Sakrament
der Versöhnung in der Form der Ohrenbeichte, es erlebte geradezu einen
Supergau. Dies ist vielleicht der härteste Indikator für die neue
Unbekümmertheit und religiöse Sorglosigkeit, auch dafür, dass der Klerus die
institutionelle Kontrolle über die Lebensführung und die Herrschaft über die
Gewissen der Kirchenmitglieder verloren und die Sozialgestalt der Kirche
sich gewandelt hat. Die Ohrenbeichte mit ihrer stabilisierten Spannung, mit
ihrem „doppelten Gesicht“ (Max Weber) von „Führung“ und „Entlastung“ wurde
und wird - neben der Taufe - von kirchenoffizieller Seite als
heilsnotwendig definiert, wobei man allerdings im Kontext der Geschichte des
Bußsakramentes den Begriff „heilsnotwendig“ relativ einzuordnen hat. Die
Ohrenbeichte war ein „Eckstein“ des katholischen Gefüges in Form der
„Gnadenanstalt“ und ihres Systems der „Anstaltsgnade“ (Max Weber).
Im massiven Niedergang der
Ohrenbeichtpraxis, den kein Ernstzunehmender mehr als ein „Zwischentief“
einschätzt, zeigt sich brennpunktartig die Auflösung der die Basis
betreffenden Voraussetzung des institutionellen Gesamtgefüges der
katholischen Kirche, nämlich des „Anstaltsgehorsams“, sowie die verbreitete
Unbekümmertheit auch und gerade der Mitglieder der Kirche gegenüber ihrer
Anstaltsgnade, also auch des Desinteresses an ihr als Gnadenanstalt. Indem
sie die mit der Kirchenmitgliedschaft verbundenen Normanweisungen
unterläuft, zeigt die deutliche Mehrheit der Katholiken, dass sie immer
weniger bereit oder in der Lage ist, sich eine bestimmte Rolle im
Beziehungsgeflecht der Kirche zuweisen zu lassen und das für „Sünde“ zu
halten, was in ihr als Sünde deklariert wird. Jedoch ist nicht nur ein
Wachstum an ritueller Abweichung der Kirchenmitglieder in als zentral
definierten Glaubenshandlungen zu beobachten, auch die Devianz im Hinblick
auf kirchlich definierte Glaubensvorstellungen nimmt enorm zu.
3. Religiöse
Selbstbestimmung
Während die Bevölkerung in den neuen
Bundesländern mehrheitlich mit dem Gottesglauben wenig oder nichts anfangen
kann, bekennt sich die große Mehrheit in der alten Bundesrepublik zum
Glauben an Gott (71%). Aber dieser Anteil ist in den letzten Jahren
rückläufig, und die Gottesvorstellungen haben immer weniger eine
christliche - etwa personale - Prägung. An ein Leben nach dem Tod (46%),
an die Auferstehung der Toten (33%), an den Himmel (38%) glaubt nicht einmal
die Hälfte der Westdeutschen. In Ostdeutschland, wo die Mehrheit zäh
konfessionslos verharrt, sind es weniger als 20 Prozent. An den Teufel
glauben genauso wenig wie an die Hölle - nicht einmal jeder Zehnte in
Ostdeutschland und jeder Fünfte in Westdeutschland. Somit gehören auch
katholische Kirchenmitglieder zu den „Ungläubigen“. Von ihnen glauben sogar
mehr an Schutzengel als an den dreifaltigen und Mensch gewordenen Gott. Von
daher können Menschen, die rituell der Kirche nahe stehen und regelmäßige
Kirchgänger sind, durchaus auf der Glaubens- und Überzeugungsebene
unbekümmert kirchenfern sein. Viele von diesen rituell Kirchentreuen gehen
sogar unbekümmert religiös fremd und pflegen sozusagen einen „Unglauben
mitten im Glauben“. Sie stellen auch einen großen Teil der Teilnehmer an
New-Age-Seminaren, gehen auf Schnuppertouren in die Esoterik-Läden und
kaufen unbekümmert in Ladenketten, die nachweislich Scientology gehören.
Aber auch kirchliche Bildungshäuser öffnen ihre Räumlichkeiten für
Esoterik-Kurse. Insbesondere sind es die Katholikinnen und Katholiken unter
ihnen, die auch - synkretistisch - Anleihen im Gottesbild und Anleihen
von Glaubensvorstellungen bei anderen religiösen Traditionen vornehmen. So
ist ein Drittel der rituell kirchentreuen Katholiken reinkarnationsgläubig,
glaubt also an eine Wiedergeburt im diesseitigen Leben. Immer größer wird
die Kluft zwischen dem, was die offiziellen Vertreter der Kirchen für -
normativ - gültig halten, und dem, was faktisch gilt, was die
Kirchenmitglieder faktisch glauben und leben. Immer seltener wird es
freilich auch, dass die Verantwortlichen in den Kirchen das Schließen dieser
Kluft einfordern, geschweige denn einfordern können.
Für die Mehrheit der Kirchenmitglieder
hierzulande ist nämlich die Kirche offensichtlich keine Institution mehr,
die Verbindlichkeiten für alle und für das gesamte Leben zu geben hat,
irgendwie ist sie ihnen verwest, zumal Rom oft Anforderungen stellt, „die
zum Teil weit von der Wirklichkeit entfernt sind“ (Helmut Kohl). So erlebt
auch die Amtskirche, dass Kirche ihren spezifisch „institutionellen“
Charakter verliert. Denn immer weniger gelingt es, Einfluss auf die
einzelnen durch „sozialen Zwang“ zu nehmen, in Glaubensvorstellungen und
Glaubenspraktiken Gehorsam einzufordern und Verbindlichkeiten der
Lebensführung herzustellen. Die Kirche verliert immer mehr die Kraft und das
Durchsetzungsvermögen, Abweichungen von ihren Normen zu sanktionieren und zu
bestrafen, zumal ja das Höllenfeuer erloschen ist. Und so kann Kirche zwar
Glaubensvorstellungen und Verhaltensweisen festsetzen, aber kaum mehr
verpflichtungsfähig durchsetzen. Denn die konkrete Kirche erweist sich als
eine Größe, die sich - bei drohendem Kontaktabbruch - den individuellen
Bedürfnissen zu fügen hat. Man kann es auch so sagen: Kirche als dogmatische
und als rechtliche Institution ist immer weniger gefragt und deshalb auch
keine gesellschaftliche Institution mehr.
Gefragt ist vielmehr religiöse
Selbstbestimmung und nicht mehr Befehl und Gehorsam. Das Kirchenverhältnis
der Mehrheit hat sich von einer vertikalen Über- und Unterordnung zu einem
horizontalem Tauschsystem gewandelt. Ein selbst bestimmtes Tauschverhältnis,
d. h. eine Logik von Leistung und Gegenleistung, beherrscht die Beziehung
des Kirchen-„Kunden“ zu seiner Kirche, vergleichbar der Klientel von
sozialen Dienstleistungsorganisationen. Neben den sozialkirchlichen Diensten
sind dem Kirchen-„Kunden“ vor allem die rituellen Begleitungen der
persönlichen Lebenswenden, also Taufe, Hochzeit und Beerdigung, aber auch
die Feier der kollektiven Lebenswenden wie Weihnachten und Ostern wichtig,
abgesehen davon, dass man ja „nie sagen kann, ob man die Kirche nicht einmal
nötig haben wird“ oder auf andere (bayerisch-fränkische) Weise ausgedrückt:
„Nix G’wis waas mer net!“
Ein solcher „Kunde“ lässt sich also eine
Kirchenmitgliedschaft im wahrsten Sinn des Wortes etwas kosten, wahrt jedoch
im übrigen Distanz zum kirchlichen Leben, insbesondere zum kontinuierlichen
und interaktiv dichten kirchlichen und sakramentalen Gemeindeleben. Immer
mehr Kirchenmitglieder scheinen sich auf einer Position wohl zu fühlen, die
es ihnen ermöglicht, den Kontakt dann zu verstärken, wenn die eigene
Lebenssituation den Wunsch danach weckt. Diese neue Unbekümmertheit dürfte
nicht allein mit der gesellschaftlichen Hegemonie des Ökonomischen und
seiner beschleunigten Durchdringung fast aller Lebensbereiche, auch der
religiösen, erklärbar sein. Vielmehr ist die neue Unbekümmertheit auch
Ausdruck der Tatsache, dass die Position der Kirche innerhalb des
gegenseitigen Abhängigkeitsgefüges in der Gesellschaft erheblich geschwächt
wurde, und dass insbesondere die kirchlichen Amtsträger kirchenextern, aber
auch kirchenintern eine weit gehende Minderung und Abwertung ihrer Position
erfahren mussten. Man schätzt das Berufsprestige des Geistlichen zwar noch
sehr hoch ein, man hört ihm zu, aber man gehorcht ihm nicht mehr und ist
nicht mehr von ihm abhängig.
Von daher ist es durchaus beachtenswert,
dass den Kirchen Stellungnahmen und Einfluss noch zugestanden werden,
insbesondere zu Problemzonen des medizinisch-technischen Bereichs
(Sterbehilfe, Abtreibung, pränatale Diagnostik, Embryonen-Forschung), zu
humanen Folgeproblemen wirtschaftlicher und politischer Entscheidungen
(Zusammenleben und Integration von Ausländern, Arbeitslosigkeit,
Raubtierkapitalismus, Wirtschaftsethik) und zu Fragen der universalen und
partikularen Menschenwürde und Solidarität an den Schnittstellen zwischen
Persönlich-Intimem und Öffentlichem (Menschenrechte, Krieg und Frieden, Ehe
und Familie). Doch gilt dies kaum mehr auf der privaten Ebene, auch nicht
mehr auf der staatsinstitutionellen und auf der parteipolitischen Ebene der
Öffentlichkeit. Dies hat zur Folge, dass die Kirchen auf der Ebene der
Zivilgesellschaft zwar ein (wichtiger) Akteur neben vielen anderen sind,
doch keinerlei Monopol mehr besitzen. Diese positionelle Schwächung des
Kirchlichen ist damit zu erklären, dass neben der strukturellen
Pluralisierung der Gesellschaft, die Kirchliches aus den zentralen
Funktionsbereichen (Wirtschaft, Politik, Wissenschaft) weit gehend und
bewusst ausschließt, und dass neben der religiösen Konkurrenzierung und
kulturellen Pluralisierung, die Kirchliches als nur eine Stimme unter vielen
anderen Sinnstiftern relativiert, hier die funktionale Demokratisierung fast
aller Autoritätsverhältnisse zu benennen ist.
4. „Mission“ neu und einladend denken
Der Psychoanalytiker und Gotteskritiker
Tilman Moser, der im Jahr 1976 mit seiner hoch emotionalen Schrift
„Gottesvergiftung“, die als eine persönliche Abrechnung mit seiner eigenen
engen württembergisch-pietistischen Erziehung einzustufen ist, so einige
Irritationen und Verwunderungen ausgelöst hatte, schrieb vor einiger Zeit
den bemerkenswerten Satz: „Es gibt eine heute weit verbreitete Unkenntnis
von Gott und seiner Geschichte, und manchmal fragt man sich, ob eine
weitgehende Unwissenheit über Gott nicht auch neurotisch sein kann, auch
wenn sie eine massenhafte soziale Erscheinung ist“. Mit dieser Aussage
bestätigt Moser letztlich die Gegebenheit, dass wir in einer Gesellschaft
leben, in der sich keine homogene Grundlage spiritueller, religiöser und
ethischer Überzeugungen, von denen alle geleitet werden, finden lässt.
Religion als Stimmung und Wellness, als Kuschelecke und Gefühl wird bejaht,
der personale Gott als Anspruch aber verneint und abgelehnt. Doch ist diese
Verneinung nicht kategorisch gemeint wie noch im Sinn der leidenschaftlichen
Atheismen, vielmehr erleben wir eine öffentliche Geistesabwesenheit des
Christentums und neopagane Verblödung.
Es ist eine unübersehbare
Tatsache, dass wir in einer Zeit „der religionsfreundlichen Gottlosigkeit,
in einem Zeitalter der Religion ohne Gott“ leben. Das durchaus bestehende
große religiöse Interesse läuft aber weithin an Christentum und Kirchen
vorbei hinein in ein Neuheidentum, das viele Gesichter hat. Des weiteren
müssen wir feststellen, dass in den meisten wirtschaftlich entwickelten
Ländern in Europa und Nordamerika sich ein spiritueller Niedergang
eingestellt hat, militanter Säkularismus und Pluralismus zerfressen die
Struktur der Gesellschaft und kompromittieren und schwächen dadurch die
Kirchen in ihrem Zeugnis. Vielerorts hat sich eine geistliche Wüste
ausgebreitet, eine unerklärbare Angst, ein verborgener Abgrund. Viele
Zeitgenossen sind wie zerborstene und leere Zisternen, auf einer
verzweifelten Suche nach Sinn, nach einem letzten Sinn, den nur die Liebe
schenken kann. Das dadurch entstandene Vakuum wird allzu gern mit
trügerischen Kulten gefüllt. Von der Religiosität her leben wir, das konnten
u. a. die Weltjugendtage in Köln, Sydney oder Madrid zeigen, sozusagen in
einem Zeitalter der paradoxen Säkularisierung. Dies bedeutet, Gott
verschwindet nicht einfach aus den Köpfen und Herzen der Menschen, auch wenn
sie im Alltag kaum noch mit ihm zu tun haben, auch wenn die Macht der
Kirchen schwindet und die Leute nicht mehr wissen, ob es sieben oder zehn
Gebote gibt. Den meisten bleibt die Gottesahnung, mal stärker und mal
schwächer. Das Dogmengebäude der Kirchen wird aber nicht ernst genommen:
Jesus ist cool, Buddhismus aber auch ganz nett. Des weiteren gilt es
folgendes zu bedenken: in einer Erlebnis- und Spaßgesellschaft, in einer
Welt der ambivalenten Dimensionen der Globalisierung und des
Zusammenschrumpfens der Werteordnung auf Wertpapiere, in einer Zeit hoher
ethischer Desorientierung können die Kirchen in Seelsorge und Liturgie nicht
einfach so weiter machen, als habe sich nichts verändert. Vielmehr „muss die
Kirche den Wandlungen alles Irdischen Rechnung tragen. Sie kann ewige
Wahrheiten und ewiges Leben in die Zeit nur hinein tragen, indem sie jedes
Zeitalter nimmt, wie es ist, und seiner Eigenart gemäß behandelt“ (Edith
Stein).
Darin aber liegen ungeahnt neue Chancen,
wenn die Vertreter des kirchlichen Bodenpersonals in der gesellschaftlichen
Öffentlichkeit mit mehr selbstbewusster Demut auftreten und eine einladende
Kirche präsentieren sowie sich auf das von Papst Johannes XXIII. geforderte
„aggiornamento“ der Kirche einlassen würden. Darüber hat er bereits lange
vor seiner Papstwahl meditiert und folgende Sichtweise entwickelt:
Aggiornamento versteht sich im Blick auf den einzelnen als „ein intensives
Streben nach Heiligkeit“. Im Blick auf die Kirche wird es „vor allem als
Dienstbereitschaft füreinander verstanden“. Im Blick auf die Sendung des
Christen lässt es sich als „Zuwendung zum Mitmenschen“ verstehen und im
Blick auf das Voranschreiten der Kirche erfordert aggiornamento ein „waches
Bewusstsein für die Herausforderungen der Gegenwart“ (vgl. Michael Bredeck,
Das Zweite Vatikanum als Konzil des Aggiornamento, Paderborn 2007, Seite
235). Alle vier Zielrichtungen des aggiornamento sind für eine heutige
missionarische Pastoral wegweisend. Von daher dürfen wir auf keinen Fall
suchenden Menschen Glaubenssätze und Moralrezepte um die Ohren hauen,
sondern wir müssen ihnen die faszinierende Botschaft Jesu wie einen Mantel
hinhalten, in den sie hineinschlüpfen können. Offenbar aber will es der
Kirche nicht gelingen, die heutige Wahlfreiheit, ob man Christ werden will
oder nicht, pastoral so zu bewirtschaften, dass sie viele, vor allem junge
Menschen, für das Evangelium gewinnt. In der gegenwärtigen Situation
brauchen wir von daher im katholischen Bereich „eine offene Katholizität mit
geistiger Tiefe und Noblesse“ (Tomás Halík). Wir müssen also bei aller
Klarheit und Bestimmtheit das einladende Moment, die Liebenswürdigkeit der
christlichen Botschaft zum Tragen bringen. Denn Christentum, Kirche und
Liturgie sind zweifelsfrei zu einem Sanierungsfall geworden.
Die wesentliche Erkenntnis dürfte also
sein, dass sich christliche Mission in unseren europäischen Breitengraden
erstmalig mit einem Milieu konfrontiert sieht, das schlechthin
selbstverständlich und unbekümmert areligiös ist. Denn in ihrer 2000jährigen
Geschichte traf christliche Mission bisher immer auf eine Art
Volksreligiosität, auf mehr oder minder ausgereifte Gottesvorstellungen, an
die sie kritisch anknüpfen und die sie korrigieren oder weiterentwickeln
konnte. Ein solcher Anknüpfungspunkt ist bei den „neuen Heiden“ in Ost und
West erheblich schwieriger zu finden, als manch wohlmeinender Rat sich
vorstellt. Denn ganzheitliche und metaphysische Fragen werden heute kaum
noch verstanden, da vielfach areligiös gedacht wird. Dabei gilt es, noch
folgendes zu bedenken und einzuordnen. In der ehemaligen DDR hat die SED
vieles abzuschaffen versucht: das Privatkapital, den Markt, die Demokratie
und die Ungleichheit (obwohl dann manche doch ”gleicher waren als die
Gleichen”). Das meiste kam wieder, nur eines kam nicht mehr: das
Christentum. Das Verschwinden der Religion, die fast totale Entchristlichung
ist der größte Erfolg der SED. Dies erfolgte u. a. dadurch, dass engagierte
Pfarrer und Christen willkürlich verhaftet, Gemeinden von der Stasi
unterwandert, nicht angepasste junge Leute vom Besuch der höheren Schule
suspendiert oder von der Universität relegiert wurden. Glanzstück des
erfolgreichen sozialistischen Religionsersatzes war die Besetzung bis dato
christlich geprägter Lebensformen und Rituale. Es darf noch angemerkt
werden, dass man bis jetzt von der neuen Linken, der Nachfolgepartei der
SED, kein Wort der Reue zu dieser Kulturschande, keine Bitte um Vergebung
für die unzähligen Repressionen an die Christen hört. Diese
Geschichtsvergessenheit und Realitätsverdrängung bzw. -verweigerung ist
bemerkenswert für diese Partei, die sich heute zur Verteidigerin von
Ehrlichkeit, Gerechtigkeit, Menschenrechte und Humanität aufschwingt, Werte,
die sie zu DDR-Zeiten mit Füßen getreten hat. Somit unterschlägt sie
schlichtweg dabei die historische Wahrheit ihrer eigenen Herkunft aus einer
der übelsten Despotien der Nachkriegszeit. In diesen Zusammenhang passt
vortrefflich, dass schon seit einiger Zeit wieder Stasi-Exponenten und
Apologeten des mörderischen Grenzregimes offen auftreten und sich unter dem
Schutz unserer oft zweifelhaften Gerichtsbarkeit als Opfer des
freiheitlichen Staates frech gebärden. Eine Ausnahme aber gibt es: der
achtzigjährige Günter Schabowski, der damals am 09. November 1989 im
Fernsehen die Öffnung der Mauer ankündigte und sich heute von all den
Schandtaten dieses DDR-Unrechtsstaates, an denen er selbst mitgewirkt hat,
mehrfach distanziert und um Entschuldigung gebeten hat
Abneigung und Distanz eines Großteils der
Zeitgenossen im Hinblick auf Christentum und Kirchen sind augenscheinlich.
Denn in den westlichen Gesellschaften haben wir in eklatanter Weise eine
faktische Verabschiedung aus dem Raum kirchlicher Gemeinschaft und
christlicher Lebensorientierung zu konstatieren. Nach der im Jahr 2006
veröffentlichten Sinus-Milieustudie, welche die Deutsche Bischofskonferenz
in Auftrag gegeben hatte, ist die Kirche in der Wahrnehmung der Bevölkerung
nur noch in drei von zehn untersuchten so genannten „Milieus“ repräsentiert.
In allen anderen begegnet ihr mehr oder minder Ablehnung oder Desinteresse.
In den gesellschaftlichen Leitmilieus fehlt jede kirchliche Spur.
Entsprechend einer aktuellen Umfrage ist den Zeitgenossen in unserem Land
nur 18 Prozent der Glaube an Gott existentiell wichtig und ganze 10 Prozent
die Kirche. Von daher ist die Weitergabe des christlichen Glaubens nicht
mehr selbstverständlich und gesichert. Zudem ist der Vorrat an gemeinsamen
Glaubensüberzeugungen weitgehend erschöpft oder wenigstens verringert. Die
Substanz gemeinsamer Werte bröckelt immer mehr ab. Selbst der allenthalben
feststellbare Boom des Religiösen erweist sich bei genauerem Hinsehen als
zweifelhafter Trost. Von einer Renaissance, von einer Wiederkehr der
Religion, wie manche sie herbeireden wollen, sind wir gegenwärtig weit
entfernt. Dagegen gibt es tiefes Verlangen nach Religiosität und
Orientierung. Dieses Verlangen wird allerdings von den Kirchen nicht
gestillt, die offenbar an den Bedürfnissen der Menschen vorbeireden, da sie
sich zudem in der „Sprache Kanaans“, das heißt in einem Theologenjargon oder
-kauderwelsch äußern, mit dem heutzutage kaum jemand etwas anfangen kann.
Die Sprache der Kirchenleute ist seit langem nicht mehr die Sprache der
Menschen. Ganz krass zeigt sich dies z. B. an dem päpstlichen Erlass zur
Gewährung eines Ablasses im Paulus-Jahr vom 1O. Mai 2008. Diese Sprache ist
völlig abgehoben, gespreizt und „wonnebrunserisch“ und ganz weit weg vom
heutigen Menschen. In den Kirchen sollte man sich ein Beispiel nehmen an
Papst Johannes XXIII., der in all seinen Predigten und Ansprachen in einer
schlichten Unmittelbarkeit ausgesprochen hat, was ihn jeweils bewegte. Und
dies geschah mit ungekünstelter Ungezwungenheit, mit bescheidener und
überzeugender Liebenswürdigkeit; diese Sprache kam bei den Menschen an.
Hinzu kommen dann noch gesellschaftliche,
wirtschaftliche und technische Vorgänge und Entwicklungen von einer
ungeheuren und für mich oftmals geradezu ungeheuerlichen Tragweite. Eine
sittliche Verwahrlosung auf einer anderen Ebene sind eine unbekümmerte
sexuelle Libertinage sowie die geradezu erschreckende Zunahme von
Kinderpornographie und Pädophilie, und dies verschiedentlich bis hinein in
oberste kirchliche Kreise. Bei diesen Verbrechen an unschuldigen Kindern und
jungen Menschen gibt es für mich Null-Toleranz.
Die wesentliche Erkenntnis, die aus all
dem bisher Gesagten zu ziehen ist, dürfte sein, dass sich christliche
Mission in unseren europäischen Breitengraden erstmalig mit einem Milieu
konfrontiert sieht, das schlechthin selbstverständlich und unbekümmert
areligiös ist. Denn in ihrer 2000jährigen Geschichte traf christliche
Mission bisher immer auf eine Art Volksreligiosität, auf mehr oder minder
ausgereifte Gottesvorstellungen, an die sie kritisch anknüpfen und die sie
korrigieren oder weiterentwickeln konnte. Ein solcher Anknüpfungspunkt ist
bei den „neuen Heiden“ in Ost und West erheblich schwieriger zu finden, als
manch wohlmeinender Rat sich vorstellt. Denn ganzheitliche und metaphysische
Fragen werden heute kaum noch verstanden, da vielfach areligiös gedacht
wird. Von daher scheint es mir geboten, den Begriff „Mission“ neu zu denken
und zu definieren. Irgendwie hat er ja immer noch ein bestimmtes und
abwertendes „G’schmäckle“. Wenn der Ruf nach einer missionarischen Kirche
immer lauter ertönt, ist kritisch anzufragen, ob es hier nicht vielleicht
einer in die Enge geratenen Kirche vor allem um sich selbst geht, also um
Mitgliederwerbung und (nicht zuletzt finanzielle) Stabilisierung oder um
erneute Ausweitung der verloren gegangenen gesellschaftlichen
Einflusssphäre. Wem wollen wir denn mit „Mission“ wirklich etwas Gutes tun?
Vor allem uns oder vor allem den anderen? Mission meint eigentlich „auf
Sendung gehen“ und nicht „zum Magneten werden“. Also geht es doch wohl
darum, die Menschenfreundlichkeit unseres Gottes möglichst effektiv, aber
absichtslos, zu vermitteln, ganz gleich „ob uns das was bringt oder nicht“.
Wir müssen kräftiger unsere Potenziale nützen. Treffend vermittelt dies ein
Text des verstorbenen brasilianischen Erzbischofs Dom Hélder Camara:
Mission heißt
aufbrechen,
sich auf den Weg machen,
alles lassen,
aus sich herausgehen,
die Kruste des Egoismus zerbrechen,
die uns in unser Ich einsperrt.
Mission heißt aufhören
sich um sich selbst zu drehen,
als wären wir allein der Mittelpunkt
der Welt und des Lebens.
Mission heißt sich
nicht einschließen
in die Probleme der kleinen Welt,
zu der wir gehören.
Die Menschheit ist viel größer.
Mission heißt immer
aufbrechen,
aber nicht Kilometer fressen.
Mission heißt vor allem
sich öffnen für die anderen als
Geschwister,sie finden
und ihnen begegnen.
Und wenn es nötig ist,
um sie zu finden und zu lieben,
die Meere durchkreuzen
und durch die Lüfte fliegen,
dann ist Mission
aufbrechen
bis an die Grenzen der
Erde.
5.
Charme und Chance
Versuchen wir nun, strategische
Konsequenzen für eine „Diaspora der dritten Art“ auszuloten. Wir mussten zur
Kenntnis nehmen, dass es sich auch ohne Gott gut leben lässt. Die Umgebung
scheint nicht mit Ungeduld auf die christliche Botschaft zu warten - und
das gilt eigentlich seit Beginn der Neuzeit. Es müsste sehr nachdenklich
machen, was der Journalist und Autor Harald Martenstein vor kurzem einmal in
DIE ZEIT schrieb: „Das Christentum ist die einzige Religion, die sich selbst
nicht mehr ganz ernst nimmt…..Es steht bescheiden am Rand der Gesellschaft,
es wird nicht diskriminiert, aber auch nicht wirklich benötigt, weil die
Geschäfte auch ohne Sinnstiftung ganz gut gehen. Christentum ist ein
Serviceangebot an diejenigen, die noch ein paar spirituelle Restbedürfnisse
haben, die Yoga allein nicht stillen kann. Warum, zum Teufel, dann nicht
gleich vernünftig werden“? Es stimmt also doch: ungezählte Zeitgenossen
haben vergessen, dass sie Gott vergessen haben. Die Situation, die Friedrich
Nietzsche mit seiner „Gott-ist-tot“- Metaphorik hellseherisch beschrieben
hat, ist inzwischen sogar so eskaliert, dass sie wohl auch dem letzten
aufmerksamen Christen bewusst geworden ist. Martin Bubers „Gottesfinsternis“
reicht bis in die Familien, auch in die von kirchlich engagierten Laien und
Verantwortlichen. Das führt zu Ermüdungserscheinungen und Resignation oder
zu aggressiver Kritik, die sich an die Welt oder ersatzweise an die Kirche
richtet; denn irgendjemand muss ja wohl an der Misere Schuld sein. So ist es
dringend geboten, hier einen Mentalitätswechsel auf den Weg zu bringen.
Gefragt sind kreative, risikobereite und konstruktive Neuansätze, das will
heißen Inkarnation und Inkulturation statt Selbst- oder Fremdzerfleischung
bzw. pastoraler Selbsterhaltungsbetrieb. Schnell wirkende Patentrezepte dazu
gibt es allerdings nicht. Wir sind also gezwungen, uns in der „Tugend der
Ratlosigkeit“ zu üben und zu bewähren. Denn noch nie in ihrer Geschichte war
die kirchliche Verkündigung mit einem so flächendeckenden und relativ
stabilen areligiösen Milieu konfrontiert. Doch können einige Erfahrungen aus
den neuen Bundesländern aufzeigen, dass die Situation der Gottesfinsternis
uns Christen in gewisser Weise entgegenkommt, also eine Chance bedeutet und
einen eigenen Charme entfaltet. Dies gilt es nicht zu verpassen. Wir sollten
deshalb vorab in den alten Bundesländern das kurzsichtige Kirchengejammere
einstellen. Zehn Eckpunkte mögen diese Herausforderung an Theologie und
Pastoral verdeutlichen:
1.)
Konfessionslos im Osten ist im Prinzip etwas anderes als konfessionslos im
Westen. Denn innerhalb von 40 Jahren sozialistischer atheistischer Erziehung
in der DDR hat in den neuen Ländern bereits die dritte und vierte Generation
keinerlei Kontakt zur Botschaft Jesu, steht aber dem Christentum meist nicht
abweisend gegenüber, sondern gleichgültig oder neugierig. Im Westen hingegen
waren die meisten Konfessionslosen bereits einmal kirchlich sozialisiert und
kehrten aus diversen Gründen (Kirchensteuer, Ärger mit Leuten aus dem
kirchlichen Bodenpersonal, Frust über gewisse Entwicklungen oder Reformstau
in der Kirche, unbekümmerte Gleichgültigkeit und dgl.) der Kirche den
Rücken. Bei diesem Personenkreis findet man keine Unvoreingenommenheit oder
gar Neugierde vor, sondern im Gegenteil zuweilen Hass und schroffe Ablehnung
bzw. Zurückweisung. Hinzu gesellt sich dann vielfach noch die
Säkularisierungsthese, die besagt: „Weil der heutige Mensch glaubt, dass es
modern ist, nicht zu glauben, wendet er sich vom Glauben ab“ (Hans Joas).
Doch ist hier mit zu bedenken, dass dem Kirchenaustritt bei vielen oft ein
langjähriger Entfremdungsprozess vorausgeht. Dennoch hegen diese Menschen
direkt oder indirekt den Wunsch, mit einem Seelsorger darüber zu sprechen.
Sicher werden die Kirchenaustritte von den Standesämtern an die Pfarreien
weitergeleitet. Dort werden jedoch vom kirchlichen Bodenpersonal keine
seelsorgerlichen Initiativen ergriffen, sodass der eine oder andere
Ausgetretene zu Äußerungen gelangt wie dieser: „Am meisten hat mich
enttäuscht, dass euch das völlig wurscht ist“. Solch eine Reaktion ist
typisch für ein Kirchenmitglied, das seinen Austritt als Aufschrei versteht,
welcher aber von verständnislosen Seelsorgern nicht gehört und wahrgenommen
wird - bezeichnend für einen satten und geistlosen pastoralen
Selbsterhaltungsbetrieb.
2.)
Wo keine religiösen Vorstellungen vorhanden sind, muss man auch keine
falschen Vorstellungen zerstören. In den alten Bundesländern gibt es
hingegen oft eine aggressive Haltung gegen alles, was nur entfernt mit
Kirche zu tun hat. Im Osten ist diese Haltung eher selten. Stattdessen
findet sich dort oft eine erstaunliche Offenheit und auch vorsichtige
Neugierde; denn „Neugierde ist der unersättliche Wunsch zu erfahren, was es
in der Welt gibt“ (Peter Bieri).
3.)
Die Christen werden von daher in einer „Diaspora der dritten Art“ rasch auf
ihre „Kernkompetenz“ zurückgeführt, ja zurück gezwungen. Die Außenstehenden
wollen wissen: „Wozu seid ihr als Christen eigentlich gut? Was bringt uns
das Christentum?“ Die innerkirchlichen Reizthemen sind für Außenstehende
nachweislich zumeist uninteressant und unverständlich. Wenn sie uns
anfragen, dann als Menschen, die mit Religion und mit der Frage nach Gott
Erfahrung haben, die Gottesdienste feiern und beten können. Das ist der
Kern, wo wir als Christen kompetent sein sollten und müssten: Wir sind
sozusagen die Gotteserfahrenen und müssen hier Auskunft geben. Den anderen
ist nämlich für diese Dinge die Sprache abhanden gekommen, es fehlen ihnen
die Bilder, Symbole und Gleichnisse für die Situationen, in denen auch ihnen
Gott begegnet. Auch sie suchen Segen, Vergebung, Hoffnung, und sie wollen
die Erfahrung von Endlichkeit und trotz alledem Geborgenheit irgendwie
thematisieren. Und so befinden sie sich auf der Suche nach Sinn hinter dem
Leben, auf der Suche nach einem glückenden und erfüllenden Lebensentwurf und
nach Antworten in ihren existentiellen Fragen. Auf diese Weise kommt ein
nicht zu leugnender Hunger nach Spiritualität, nach innerer Ausgeglichenheit
und geistiger Tiefe jenseits der Verführung durch das Banale zum Tragen. Es
dürfte sich hierbei wohl um eine „scheue Religiosität und Glaubenssehnsucht“
(Tomáš Halík) handeln. Sehr anschaulich äußern sich diese tieferen
Zusammenhänge bei der Eisschnellläuferin, mehrfachen Olympiasiegerin und
Weltmeisterin, Claudia Pechstein. Diese junge Frau kommt aus dem früheren
Ostberlin, der „Hauptstadt der DDR“, ist ungetauft und unchristlich
aufgewachsen. Noch nach Jahren ist sie erfüllt von der großen Traurigkeit,
die der urplötzliche Tod eines engen Freundes in ihr ausgelöst hat, der auf
der Autobahn von Berlin nach Rostock bei einem tragischen Unfall ums Leben
kam und in seinem Auto verbrannte; und mit ihm verbrannten Hoffnungen,
Wünsche und ganz persönliche Träume. So bekennt sie: „Diese Erfahrung führt
mich zu der Frage, die schon tausendfach gestellt wurde, die alle Menschen
irgendwann einmal stellen: Wenn es wirklich einen Gott gibt, warum
verhindert er solche Ereignisse nicht? Mag sein, dass diese Denkweise
blauäugig ist. Aber irgendwo muss doch dieser Gott stecken, dem so viele
Menschen so viel Macht und Kraft zusprechen!“ Bei diesem Fragen sei
verwiesen auf die Anfrage, die Papst Benedikt XVI. bei seinem Besuch im
Vernichtungslager Auschwitz im Mai 2006 gestellt hat. Es ist dies eine
Frage, von der viele meinen, dass sie ein Papst niemals stellen dürfte. Er
nennt dies „ein inwendiges Schreien zu Gott: Wo warst du in jenen Tagen?
Warum hast du geschwiegen? Warum konntest du dies alles dulden?“
4.)
In einer „Diaspora der dritten Art“ müssen wir Christen die anderen nicht
„zurückholen“. Dieses Problem, das oft Volkskirchen hatten oder Eltern
gegenüber ihren Kindern oder Pfarrer gegenüber ehemaligen
Gemeindemitgliedern, reduziert sich in den neuen Verhältnissen. Man kann
vielmehr neugierig auf die andere Seite zugehen - wie in ein unbekanntes
Land - und darf gespannt sein, ob und wie sich die Dinge dann entwickeln.
Dies führt zu einer großen Gelassenheit und befreit von aufgeregter
„missionarischer“ Hektik. Voraussetzung für eine solche Befindlichkeit und
Erfahrung ist eine Überzeugung, dass bei allem Wissen um den vielerorts
geradezu beängstigenden Rückgang des Glaubens und den nicht zu leugnenden
Schatten und Runzeln im Kirchengefüge dennoch viele positive Aufbrüche und
Erfahrungen auszumachen sind, die letztlich und endlich in der
Wirkungsgeschichte des Vatikanum II begründet liegen, das viele Hoffnungen
auf ein „Aggiornamento“ (Papst Johannes XXIII.), auf ein „update“ in
Theologie und Kirche geweckt hat. Und so gibt es wirklich eine lebendige
Kirche, in der so viel Positives vorhanden ist, in der so viele Menschen
bereit sind, sich für ihren Glauben einzusetzen, ihre Freizeit dafür
herzugeben, auch Geld oder sonst etwas von ihrem Eigentum beizusteuern,
einfach mit ihrer lebendigen Existenz mit beizutragen. Wenn demgegenüber
gewisse Gruppen am rechten Rand sich für autorisiert erachten, nur das
Negative zusammenzutragen, und meinen, bei ihren jährlichen „Freude-am-Glauben-Kongressen“
mit negativer Stimmungsmache neue Glaubensfreude wecken zu können, dann
gehen diese Eiferer meilenweit an den diversen Realitäten vorbei und
verkennen die „Zeichen der Zeit“ (Papst Johannes XXIII.), was bedeutet, dass
sie nicht bereit sind, den Zeichen Gottes in unserer Zeit nachzuspüren (vgl.
Laudatio von Kardinal Walter Kasper zum 70. Geburtstag von Kardinal Karl
Lehmann). Deshalb darf es den Kirchen in einer „Diaspora der dritten Art“
nicht um möglichst viel Besitzstandwahrung gehen, sondern um einen neuen
Impuls, um Neuaufbruch und Evangelisierung, um ein im besten Sinn des Wortes
radikales und begeisternd mitreißendes Christsein, das auch die lähmende und
angesäuerte Kirchenmigräne überwindet. Wohin sollten wir denn sonst gehen?
Wer hat uns denn weit und breit Besseres zu bieten? „Das Christentum ist
eben nicht für die Mottenkiste der Geschichte bestimmt“ (Papst Benedikt
XVI.).
5.)
Diese Dimensionen wurden mir auf einmal ganz klar bei einer Begegnung mit
neu getauften Erwachsenen der Diözese Magdeburg in Kloster Helfta. Da wurde
man Zeuge der inneren Prozesse, der Suche und der Sehnsucht, bis hin zum
Ruck, zum Ja zur Taufe. Was diese Neuchristen an Glaubensfreude vermittelt
und ausgestrahlt haben, machte mich, der ich fünf Tage nach meiner Geburt
getauft wurde und dann „schlicht und einfach“ in die Kirche hineinwuchs oder
auch nicht, sehr nachdenklich und demütig. Auf eine höchst bedenkliche und
sehr betrübliche Tatsache muss allerdings verwiesen werden. Nicht wenige
Priester in den neuen Bundesländern, die erwachsene Menschen auf ihrem Weg
zur Taufe begleitet haben, bekommen von denen, die dann in den Westen
gegangen sind, bedrückende Rückmeldungen. Denn durch gottleeres und
liebloses Abzelebrieren der Gottesdienste und durch eine spirituell äußerst
dürftige Verkündigung westlicher Geistlicher werde ihnen der weitere und
tiefere Zugang zu Gott versperrt. Zudem verweigern sich viele christliche
Gemeinden in den alten Bundesländern, neu getaufte Ossis in ihre Reihen
aufzunehmen und ihnen eine warme und motivierende Geborgenheit zu geben.
6.)
Mission neu und intelligent denken
bedeutet u. a. den Mut haben, neben der Keimzelle des organisierten
Christentums, der klassischen pfarrlichen Kirchengemeinde, alternative
Organisationsformen in der Gestalt von so genannten Profilgemeinden
aufzubauen. Ihre Mitglieder verbindet nicht der Wohnort, sondern ein
Interesse oder eine Lebenslage. Mobilität, Lebensgestaltung und
Lebensrhythmen haben sich ja in den letzten Jahrzehnten grundlegend
verändert, so dass eine Territorialstruktur der Ortsgemeinden einen Großteil
der Gesellschaft gar nicht mehr erreicht. So gibt es dann z. B. eine
Jugendgemeinde, wo die jungen Leute über und mit Gott reden können, wie es
ihrer Grundbefindlichkeit entspricht. Oder es entsteht eine
Meditationsgemeinde, wo sich Menschen zusammen finden, die Orte der Stille
und Ruhe suchen. Hier können sie hineingeführt werden in die reichen Schätze
der abendländisch-christlichen Mystik und brauchen sich nicht mehr in
Esoterikläden oder auf fernöstliche Meditationswiesen begeben. Eine weitere
Art von Profilgemeinde kann eine „Trauerpastorale“ sein, eine Gemeinde für
Menschen, die den Verlust von Angehörigen oder Freunden zu beklagen haben.
Was im Bistum Limburg bereits Realität ist, sollte man anderswo vor allem in
städtischen Agglomerationen ernsthaft andenken, auch wenn sich in solchen
Profilgemeinden traditionelle Kirchgänger nicht blicken lassen. Wer weiß,
vielleicht sind diese alternativen Gemeinden ein unerlässliches Standbein
von Seelsorge der Zukunft.
8.)
Von daher darf die zum Teil bedrückende
Situation von Christentum und Kirchen in der heutigen säkularisierten
Gesellschaft niemals Anlass zu Defätismus und Niedergeschlagenheit sein.
Auch so manche negative kirchliche Entwicklungen in den Jahrzehnten nach dem
Vatikanum II sind nicht dazu angetan, von gewissen Kreisen bei ihren schon
einmal erwähnten Kongressen „Freude am Glauben“ an den Pranger gestellt zu
werden. Mit negativ besetzten Resolutionen stiftet man keine Freude am
Glauben, sondern sät Misstrauen und Verärgerung. Bei allem Auf und Ab im
gesellschaftlichen und kirchlichen Bereich ist es höchst angebracht, sich an
die Ansprache von Papst Johannes XXIII. zur Eröffnung des Zweiten
Vatikanischen Konzils am 11. Oktober 1962 zu erinnern. Der Papst warnte
eindringlich vor jenen Ängstlichen, die in den heutigen Verhältnissen nur
Unglück und Untergang sehen: „Wir aber sind völlig anderer Meinung als
diese Unglückspropheten, die immer das Unheil voraussagen, als ob die Welt
vor dem Untergang stünde. In der gegenwärtigen Entwicklung der menschlichen
Ereignisse, durch welche die Menschheit in eine neue Ordnung einzutreten
scheint, muss man viel eher einen verborgenen Plan der göttlichen Vorsehung
anerkennen. Dieser verfolgt mit dem Ablauf der Zeiten, durch die Werke der
Menschen und meistens über ihre Erwartungen hinaus sein eigenes Ziel, und
alles, auch die entgegen gesetzten menschlichen Interessen, lenkt er weise
zum Heil der Kirche“. Diese von einem grenzenlosen Optimismus getragenen
Sätze haben auch nach über 40 Jahren nichts von ihrer Gültigkeit eingebüßt.
Und einen solchen Optimismus gilt es, sich wieder zu Eigen zu machen. Denn
„Tradition bedeutet nicht Anbetung der Asche, sondern Weitergabe des Feuers“
(Papst Johannes XXIII.).
9.)
Dass das Christentum in der heutigen Lebenswelt immer weltloser geworden und
seiner die Gesellschaft gestaltenden Kraft immer mehr verlustig gegangen
ist, hat seinen historischen Grund, der beim europäischen Christentum selbst
zu suchen ist. Denn zweifellos muss man die in den neuzeitlichen
Gesellschaften Europas dominant gewordene Privatisierung des christlichen
Glaubens zu den zwar ungewollten, aber nichtsdestotrotz fatalen
Folgewirkungen der abendländischen Kirchenspaltung zählen. Die
konfessionelle Spaltung Europas mit ihren entsetzlichen Konsequenzen und die
tragische Unfähigkeit der verschiedenen Konfessionskirchen, für den
religiösen Frieden in der Gesellschaft zu sorgen, waren die Ursache, dass
das öffentliche Leben der neuzeitlichen Gesellschaft sich in den wichtigsten
Bereichen auf eine von den konfessionellen Gegensätzen und damit vom
Christentum überhaupt losgelöste neue, säkularisierte Grundlage hin
entwickelt hat. Der evangelische Theologie Wolfhart Pannenberg (München)
sagt es deutlich und unmissverständlich: "Wo die Säkularisierung der Neuzeit
die Form einer Entfremdung vom Christentum angenommen hat, da ist das nicht
als ein äußeres Schicksal über die Kirchen gekommen, sondern als die Folgen
ihrer eigenen Sünden gegen die Einheit, als Folge der Kirchenspaltung des
16. Jahrhunderts und der unentschiedenen Religionskriege des 16. und 17.
Jahrhunderts, die den Menschen in konfessionell gemischten Territorien gar
keine andere Wahl ließen, als ihr Zusammenleben auf einer von den
konfessionellen Gegensätzen unberührten gemeinsamen Grundlage neu
aufzubauen". Das heißt kurz und bündig: Da die Konfessionskirchen nicht
fähig waren, Einheit und Frieden zu stiften, haben sich die Menschen von
ihnen abgewandt, um selber ihre gemeinsame Lebensgrundlage zu finden. Wenn
man diese harte, aber nicht zu widerlegende Diagnose ernst nimmt, dann
eröffnet sich von selbst die entscheidende Lektion und Herausforderung für
das gegenwärtige Christentum in den europäischen Gesellschaften. Soll
nämlich wirklich wieder einmal das Christentum seine politische und seine
gesamtgesellschaftliche Bedeutung zurückgewinnen, wonach es keinesfalls
aussieht, dann wird dies nicht anders möglich sein, als in der erneuerten
Gestalt eines ökumenisch wiedervereinigten Christentums, in einer wieder
versöhnten, vielfältigen Einheit; so haben es die beiden verstorbenen großen
Theologen des vergangenen 20. Jahrhunderts, Karl Rahner und Heinrich Fries,
formuliert. Denn nur wenn es den christlichen Kirchen gelingt, ihr eigenes
Zusammenleben im ökumenischen Geist des Friedens und der Versöhnung zu
gestalten, können sie auch glaubwürdig und wirksam für die Erhaltung,
Förderung und Erneuerung des Friedens in den europäischen Gesellschaften
wirken. Insofern darf und muss man den Prozess der ökumenischen Einigung der
Christenheit als weitreichendsten und wichtigsten Beitrag des gegenwärtigen
Christentums zur politischen und gesellschaftlichen Zukunft der Menschheit
sehen und erachten. Sollte dies nicht gelingen, dann
könnte eine Folge
mit davon sein, dass langsam das Staat-Kirche-Verhältnis in unserem Land
ins Rutschen kommt.
10.)
Neben allem Optimismus gilt es
daher, realistisch auf dem Boden der Wirklichkeit zu bleiben, sonst stünde
dieser auf tönernen Füßen. Der Besuch Papst Benedikts XVI. in Bayern konnte
so einiges deutlich machen. Doch hege ich die Befürchtung, dass die
Folkloreatmosphäre und die Eventstimmung verschiedene höherrangige
blauäugige Kleriker und Schönschreiber nun von einer „Renaissance des
Religiösen“ träumen lassen. Man will gar nicht die Realität wahrnehmen, dass
es an den Rändern der Kirche gewaltig bröckelt und die Sinnsuche vieler
nachdenklicher Menschen an Christentum und Kirchen weiterhin vorbei läuft.
Auch die 15. Shell-Jugendstudie vom September 2OO6 bestätigt, was seit
einiger Zeit Soziologen und Gesellschaftswissenschaftler immer wieder
verdeutlichen, dass von einer „Renaissance der Religion“ überhaupt nicht die
Rede sein kann, doch 67% der jungen Leute es für gut finden, dass es die
Kirchen gibt. Die Kirchen werden insofern von den jungen Leuten zwar
als moralische Instanz gut bewertet, haben aber auf das tägliche Leben
keinerlei Einfluss. Deren Religiosität besteht aus Versatzstücken einer
„Religion light“, für ihre Lebensführung sind säkularisierte Werte
entscheidend. So steht auch zu befürchten, dass beim Papstbesuch die
Benedetto-Rufe, der „Sakralpop“ und die Überschwänglichkeiten vergessen
ließen, was der nicht gerade gemütliche Inhalt der Predigten des Papstes
eigentlich mit auf den Weg geben sollte, indem er nicht moralisierte,
sondern z. B. von der Gleichgültigkeit und Schwerhörigkeit gegenüber Gott
sprach. Auf diese Weise führten seine Worte zu einer neuen Nachdenklichkeit,
so dass sich auch Kirchenferne und Außenstehende (wie z. B. „Kaiser“ Franz
Beckenbauer) eingeladen wissen, sich mit Religion und Kirche wieder
auseinandersetzen. Dies kann ein Beleg dafür sein, dass der christliche
Glaube durchaus in der Lage ist, suchenden Menschen Wege zu einem erfüllten
Leben aufzuzeigen, sofern die Kirchen sich dafür öffnen.
Diese
zehn Eckpunkte konnten verdeutlichen, dass die Menschen um so mehr (wieder)
in die Innenbereiche der Kirche hineinkommen werden, je mehr sie spüren, wie
Christen und Kirchen absichtslos mit ihnen umgehen, ihr Bestes wollen, auch
und gerade dann, wenn sie sich nicht integrieren, aber durchaus gewillt
sind, ein Stück des Weges mitzugehen. Religion ist also durchaus gefragt.
Dies wird auch deutlich an verschiedenen Äußerungen des agnostischen
Philosophen Jürgen Habermas. Bei seinem viel beachteten Gedankenaustausch
mit Joseph Kardinal Ratzinger, dem heutigen Papst Benedikt XVI., im Januar
2004 in der Katholischen Akademie in München, der erstaunliche Konvergenzen
der beiden Gesprächspartner offenbarte, wurde er sehr deutlich und
dezidiert, indem er darlegte, „das Phänomen des Fortbestehens der Religion
in einer sich weiterhin säkularisierenden Umgebung ist mehr als eine bloße
soziale Tatsache“. Und bei einer anderen Gelegenheit machte er deutlich:
„Die säkularen Bürger erkennen, dass sie es sich zu leicht gemacht hatten,
als sie die religiösen Zeitgenossen als Exemplare einer aussterbenden
Spezies und das Grundrecht auf freie Religionsausübung als Sorte von
Artenschutz betrachteten“ (aus: Dankesrede zur Entgegennahme des
Staatspreises des Landes Nordrhein-Westfalen im Herbst 2OO6).
Und deshalb ist es höchst bedenklich,
wenn ein nicht geringer Teil der Seelsorger ihre Pastoral nur auf die
ausrichten, die sowieso kommen und da sind. Solche Priester gleichen
schlicht Vereinsvorsitzenden, die ihre Aufgabe darin sehen, sich nur um ihre
eigenen Mitglieder zu kümmern. Heutige Pastoral aber muss mit den Menschen
einladend kommunizieren. Wenn eine Ortskirche nicht mehr wachsen will, dann
ist dies schier unerträglich und schlicht nicht zu akzeptieren. Es sei an
ein Wort von Karl Rahner erinnert, das dieser bereits 1977 geschrieben hat:
„Für die Kirche der Zukunft ist es wichtiger, einen Menschen
von morgen für den Glauben zu gewinnen, als zwei von gestern
im Glauben zu bewahren“. Mit einer makabren „Dramatik der Allmählichkeit“
(DBK) ist somit die Kirche ins Rutschen gekommen. Und nicht wenige sind der
Meinung, wenn die Bischöfe weiterhin so agieren, wie sie agieren, fahren sie
das System Kirche gegen die Wand. Denn es ist geradezu beängstigend, wie
widersprüchlich und teilweise schwächlich große Teile des Episkopats und des
Klerus sowie gewisse Gruppierungen im Kirchenvolk auf den nicht mehr zu
übersehenden Paradigmenwechsel reagieren. „Immer mehr leide ich an der
Hilflosigkeit und oft auch geringen Lernbereitschaft (ausculta auch in
diesem Sinn!) vieler, die in der Kirche das Sagen haben“ (Erzbischof em.
Karl Braun = mein früherer Bamberger Heimatbischof).
6.
Wieder die „Rede von Gott“ wagen
In einer „Diaspora der dritten Art“ ist
also Toleranz das mindeste im Umgang miteinander, auch wenn sie nicht immer
so leicht zu realisieren ist. Warum sollte nicht ein gutes Miteinander
zwischen Menschen praktizierbar sein, die einesteils Christen, andernteils
areligiös sind? Jeder Mensch ist ja wesentlich anders Mensch; der konkrete
Mensch ist nie weniger Mensch, sondern eben anders Mensch als jeder andere.
Dieses Anderssein des Anderen wird in einer „Diaspora der dritten Art“ eben
zu respektieren sein. Es geht dabei keineswegs darum, sich gegenseitig in
einem schiedlich-friedlichen Nebeneinander in Ruhe zu lassen, sondern es
geht vielmehr um einen Pluralismus des Mit- und auch Gegeneinanders, der
allerdings von beiden Seiten im Extremfall fordert, in jedem Wort und in
jeder Aktion für die andere Seite mitzudenken und dem „liebenden Kampf“
(Karl Jaspers) nicht auszuweichen. Dass diese Konstellation desto besser
gelingt, je mehr auf allen Seiten eine profilierte Offenheit vorhanden ist,
welche etwas ganz anderes ist als Standpunktlosigkeit einerseits oder
Bunkermentalität andererseits, dürfte leicht einzusehen sein. Zur Wahrheit
verpflichtet erkennen alle Beteiligten sich als Suchende in „statu viatoris“,
die in gegenseitigem Respekt und vor allem im Respekt vor einem für alle
letztlich Unverfügbaren vorwärts kommen.
Der wichtigste Erfolg
dabei wäre es allerdings, wenn ein Tabu gebrochen werden könnte, das sich
bereits seit einiger Zeit nachhaltig und lautlos eingeschlichen hat. In
unseren westeuropäischen Breiten sind nämlich die Auseinandersetzung und das
rhetorische Tauziehen über die so genannten letzten Fragen und Dinge weit
gehend verstummt. Über Gott wird ebenso wenig gesprochen wie über den
persönlichen Kontostand. Und man hat geradezu den Eindruck, dass wir
säkularisierten Europäer „zwar nicht mehr Gott fürchten, aber sonst alles
auf der Welt“ (Johannes Dyba). Man hat in Europa das Christentum sozusagen
verdursten lassen und lebt nun „vom Geruch der leeren Flasche“. Deshalb
kann in unseren Schulen und Universitäten, in Forschung, Politik und
Wirtschaft, in den Massenmedien sowie in der Kunstszene eine gegenüber dem
religiösen Phänomen völlig verständnislose, weithin abwertende und zum Teil
arrogante Gesinnung dominieren. So werden auch ganz bewusst durch
Verunglimpfung christlicher Symbole, gerechtfertigt mit künstlerischer oder
publizistischer Freiheit, religiöse Überzeugungen vieler Menschen in den
Dreck gezogen. Deshalb muss Kunstschaffenden und auch Journalisten ins
Stammbuch geschrieben werden, dass zur Kunst- und Pressefreiheit eine
selbstkritische Gesinnung gehört; denn wer schrankenlose Freiheiten
verteidigt, schadet letztlich diesen selbst. Gerade für Kulturschaffende
muss es Grenzen der Sittlichkeit und Menschlichkeit geben; Kunst steht eben
nicht über der Moral. Gerade wir Christen müssen deshalb immer wieder
selbstbewusst, klar und unaufgeregt, nicht aber kleinkindhaft und ängstlich
nach einer Art Minderheitenschutz rufend, Stellung beziehen gegen eine
„schamlose Schändung des Heiligen zu pseudokünstlerischen, in Wirklichkeit
publizistisch-kommerziellen Zwecken“ (Hans Küng). Vielleicht wollen
Skandalkünstler, um mit Bert Brecht zu sprechen, keine „irreligiösen
Gefühle“ verletzen. Sie stellen jedoch einen Beweis dafür dar, wie vielen in
unserer Gesellschaft die Sinne vernebelt sind. Wir Christen aber sollten von
dem Selbstbewusstsein getragen sein, dass das Christentum jene Religion ist,
die das Abendland geprägt hat und nicht darauf angewiesen ist, dass ein paar
notorische Blasphemiker durch Verbote daran gehindert werden, ihre
Erbärmlichkeit unter Beweis zu stellen. Leider aber haben wir Christen weit
gehend die Sprache verloren für Erfahrungen und Erlebnisse, in denen,
zuweilen blitzartig, zuweilen hintergründig, eine andere Wirklichkeit,
nämlich die des Unverfügbaren, in unser Leben eintritt. Dieser Horizont des
Unverfügbaren gerät mit dem Verschwinden einer ganzen Welt von Metaphern und
Geschichten und mit dem ersatzlosen Ausfall des Wortes „Gott“ weit gehend
aus dem Strahlbereich, auf den sich unser Fragen und Suchen richtet. Diesen
letzten Quellgrund aller genuin menschlichen Bemühungen in der
gesellschaftlichen Kommunikation wach zu halten und diese Wachheit in
adäquate Formen zu bringen, war die Herausforderung aller Jahrhunderte vor
uns. Es wäre verwunderlich und fatal, wenn diese Anstrengung in unserer Zeit
plötzlich ein Ende fände - und das vielleicht auf eine Art und Weise, dass
es kaum jemand bemerkt oder sogar für „normal“ hält. Ohne die christlichen
Werte ist aber auch die Humanität in größter Gefahr. Deshalb gehört es
wesentlich zum Humanum in unserer Welt und Zeit, die Säkularisierungsthese
zu überwinden und den Tabubruch, also wieder die „Rede von Gott“, zu wagen,
und zwar auch gegen jeglichen religiösen und theologischen Relativismus.
Und in diesem
Zusammenhang ist angesichts des aktuellen islamistischen Terrorismus noch
folgendes zu bedenken. Es ist eine Tatsache, dass die Islam-Extremisten,
angeleitet von Hasspredigern, den Westen hassen. Weit mehr als Hass jedoch
treibt sie Ekel. Sie ekeln sich vor einer verderbten, dekadenten
menschlichen Natur und Kultur, die aus ihrer Sicht angeblich alles in den
Schmutz zerrt, und zwar Religion wie Moral, die Intimität zwischen Gott und
Mensch wie die zwischen Mann und Frau. Das Moslemsein wird für die technisch
oft höchst kompetenten bärtigen jungen Männer wie für die verschleierten
jungen Frauen zum Beleg geistiger Überlegenheit und ihres
Selbstbewusstseins, und daher sind sie auch bereit, für die Transzendenz
alles zu opfern; denn Allah ist groß. So erscheint demgegenüber alles als
minderwertig, was - wie der westliche Mainstream - am Geld, am Sex und am
egoistisch-genussvollen Nur-sich-selber-verwirklichen-Wollen klebt. Dies
führt dann zu einer Verachtung eines konformistisch-freizügigen Lebensstils.
Somit hat auch in unseren Landen der Dschihad als geistiger „heiliger“ Krieg
des Islam begonnen. Eine Zivilisation, die wie die unsrige ihr Christsein
preisgibt und ihre eigenen Werte relativiert, weiß dem unterschwellig
verbreiteten Vorwurf der „Ungläubigkeit“ intellektuell-emotional kaum etwas
entgegenzusetzen und wirkt in den Augen der Muslime abstoßend. Die von
verschiedenen Institutionen unserer Gesellschaft beinahe schon flehentlich
vorgetragenen Appelle zu einem Nonkonformismus und zu einer Abkehr von
Ungebunden- sowie Zügellosigkeit werden nicht nur von Moslems als das
durchschaut, was sie sind: Floskeln ohne Widerstands- und Geisteskraft.
Unsere europäische Zivilisation muss vielmehr, wie bereits angedeutet, als
ein geistig und geistlich starker Partner auftreten und von seinen eigenen
Vorzügen überzeugt sein. Nur so werden wir Respekt finden; nur ein seiner
eigenen Werte bewusstes Europa kann nicht nur ein wirtschaftlich starker,
sondern auch ein moralisch und geistig geachteter Partner sein. Analog dazu
gilt es, auch die christlichen Fundamentalisten, Evangelikale wie
Katholikale, einzuordnen. Sie sind kulturell-religiös homogen, kapseln sich
lebensweltlich, zivilgesellschaftlich und ökonomisch ab und schaffen ihre
eigenen Institutionen. Eins sind sie sich, auch wenn sie wie die radikalen
Islamisten nicht bomben, in ihrer entschiedenen Gegnerschaft zu den in ihrer
Sicht vom ursprünglichen Glauben und der Moral abgefallenen
Großkirchen.
Es ist von daher nicht
nur an der Zeit, wieder von Gott zu reden, an ihn zu glauben, an ihn zu
denken und mit ihm zu feiern. Es ist auch Zeit, vor Gott zu arbeiten, um
Gerechtigkeit zu ringen, ja auch um zu kämpfen. Wir Christen sind nicht
Mitglieder eines privat-spirituellen, esoterischen Gottesvereins. Als
Glaubende sind und bleiben wir Bürger, Staatsbürger. Mehr noch: Weltbürger.
Denn auch Jesus hat sich ausgesetzt und sich nicht in einer behaglichen
Spiritualität selbstgenügsam und wohltuend eingerichtet. Spiritualität
mitten in Welt und Gesellschaft heute ist eben nicht mit Wellness zu
verwechseln!
Univ.-Prof. em. Dr.
Karl Schlemmer
Bischöflich Geistlicher Rat
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