CV-Ostalb    der Internetauftritt der CV-Ortszirkel
 Ellwangen  · Aalen  · Heidenheim · Nördlingen



  

Religiöse Unbekümmertheit in areligiöser Umgebung 

Pastoraltheologische Anmerkungen zu einer Diasporasituation der „dritten Art“

Karl Schlemmer 

Vorbemerkung zur Orientierung: 

„Diasporasituation der ersten Art“:  eine christliche Konfession ist gegenüber einer anderen christlichen Konfession in der Minderheit;

 „Diasporasituation der zweiten Art“: das Christentum ist gegenüber anderen Religionen in der Minderheit;

 „Diasporasituation der dritten Art“:  das Christentum ist gegenüber Areligiösen oder Untheisten in der Minderheit.

 Der in der DDR aufgewachsene Schriftsteller Erich Loest („Nikolaikirche“) schreibt in seiner Autobiographie von sich folgendes: „Ich war in einem lässlich evangelischen Christentum aufgewachsen, mit fünf betete ich abendlich, mit sieben quälte mich ein schlechtes Gewissen, wenn ich es eine Woche lang vergessen hatte....Die Konfirmation war eine tiefe Enttäuschung, und vom nächsten Tag an war ich Atheist. Besser: Ich war Untheist. Gott existierte für mich nicht mehr, kein Glaube gab mir Kraft; Religion oder Nichtreligion wurden mir nie wieder zum Problem. Eine Zeitlang allerdings beneidete ich die, die einen Gott besaßen, das war viel später, als ich im Zuchthaus in Bautzen ganz allein war, da hätte ich Gott brauchen können. Aber kurzfristig lässt sich Gott nicht aufbauen, und ich versuchte es auch nicht erst“. Die DDR hatte Loest wegen „konterrevolutionärer Gruppenbildung“ sieben Jahre in das berüchtigte Stasi-Zuchthaus Bautzen weggesperrt und zum Staatsfeind erklärt, obwohl er mit dem späteren Volkskammerpräsidenten Horst Sindermann in jungen Jahren Fußball gespielt hatte. Neben dieser ostdeutschen Äußerung möchte ich eine westdeutsche daneben stellen, die von Marcel Reich-Ranicki, dem Literaturpapst des Fernsehens und neunfachen Ehrendoktor: „Einer jüdischen Maxime zufolge kann ein Jude nur mit oder gegen, doch nicht ohne Gott leben. Ich habe nie mit oder gegen Gott gelebt. Ich kann mich an keinem Augenblick in meinem Leben erinnern, an dem ich an Gott geglaubt hätte. Die Rebellion des Goetheschen Prometheus  -  `Ich dich ehren? Wofür?’  -  ist mir vollkommen fremd. In meiner Schulzeit habe ich mich gelegentlich und vergeblich bemüht, den Sinn des Wortes `Gott` zu verstehen, bis ich eines Tages einen Aphorismus Lichtenbergs fand, der mich geradezu erleuchtete  -  die knappe Bemerkung, Gott habe den Menschen nach seinem Ebenbild geschaffen, bedeute in Wirklichkeit, der Mensch habe Gott nach seinem Bild geschaffen.... Dank Lichtenbergs effektvoll formulierter Einsicht fiel es mir noch leichter, ohne Gott zu leben. Und im Blick auf den Tod meines Bruders im KZ frage ich noch einmal, warum musste er sterben, warum durfte ich am Leben bleiben? Ich weiß, dass es hierauf nur eine einzige Antwort gibt: es war purer Zufall, nichts anderes. Doch kann ich nicht aufhören, diese Frage  zu stellen.“  

1.  Das Phänomen der Areligiosität
 

Diese Äußerungen habe ich ganz bewusst zitiert, da sie einiges zum Verständnis unserer Thematik mit beizutragen helfen. So ist es also möglich, selbst in Krisensituationen und angesichts fundamentaler Fraglichkeit mit einer areligiösen Option zu leben. Reich-Ranicki hat das Warschauer Ghetto und ein jahrelanges Versteck in Polen überstehen müssen, Loest war sieben Jahre im gefürchteten Bautzen inhaftiert. Wenn dann Loest sich „Untheist“ nennt, handelt es sich bei dieser Areligiosität also nicht um einen Atheismus im klassischen aggressiven Sinn. Und wenn schließlich Reich-Ranicki die bekannte Projektionstheorie von Ludwig Feuerbach in der Lichtenberg-Version zitiert: Der Mensch schaffe sich Gott nach seinem Ebenbild   -   oder Loest: er baut sich Gott auf   -  , dann sind das Beispiele, wie der homo areligiosus sich seine Vorstellungen über den homo religiosus macht, weil er ihn so zu verstehen hofft.   

Dass sich Erich Loest als Untheist und nicht als Atheist bezeichnet, zeigt auf, wir haben hier keine Atheisten vor uns, da sie keine Position bezüglich der Gottesfrage einnehmen, wir haben hier auch keine Agnostiker vor uns, die sich in dieser Frage aus bestimmten Gründen enthalten, sondern wir haben Menschen vor uns, die sich an der Abstimmung, ob es zum Beispiel Gott gibt oder nicht, schlicht nicht beteiligen, weil sie zumeist gar nicht verstehen, worum es bei dieser Frage überhaupt gehen könnte. Diese Leute könnte man als indifferent bezeichnen, doch dürfte „areligiös“ wohl stimmiger sein; denn sie haben vergessen, dass sie Gott vergessen haben. Dies kann auch deutlich gemacht werden durch DDR-Nostalgie aus der neuesten Zeit. Weltanschauungen stehen für solche Leute unter dem Generalverdacht, Menschen im Handeln und Denken einzuschränken, sie zu verführen und zu missbrauchen. „Ich lehne alles ab, was mit Massenzwang zusammenhängt, was Menschen einzwängt. Religion ist etwas für Träumer und Fantasten“, sagt ein 51-Jähriger. Allerdings blendet dieser stramme DDR-Nostalgiker völlig aus, wie repressiv und menschenverachtend seine untergegangene DDR, die er sich zurückwünscht, mit Menschen umgesprungen ist. Religion spielt also für diese Leute kaum eine Rolle, obwohl verschiedene von ihnen durchaus etwas mit dem Begriff „Bibel“ anzufangen wissen. „Soll ich wohl jetzt in die Welt rausgehen und den barmherzigen Samariter spielen? Das mach’ ich schon von mir aus, dazu brauche ich solche Geschichten nicht zu lesen“, meint eine 53-Jährige. Von daher ist ein verunglimpftes Honecker-Zitat durchaus stimmig: „Den Sozialismus in seinem Lauf halten weder Religion noch Kirchen auf“.  

Doch solche Anschauungen werden durchaus auch von vielen Zeitgenossen in den säkularisierten alten Bundesländern dezidiert vertreten. Zusätzlich ist mit zu bedenken, dass wir Christen mit diesen Mitmenschen zwar Wand an Wand leben, aber offenbar in sehr verschiedenen Welten, was beiderseits oft zu wenig beachtet wird. Von daher wird dann einsichtig, dass die Bezeichnungen „Atheisten“, „Nichtchristen“ etc. zur binnenkirchlichen oder binnenreligiösen Terminologie gehören, welche vom Gegenüber als Selbstbezeichnung nur auf diesem Umweg wahrgenommen und übernommen wird. Einer, für den die Problematik der Existenz Gottes außerhalb des Bewusstseins liegt, kann auch mit deren Verneinung nichts anfangen und ist für sich selbst daher weder Atheist noch Areligiöser noch Konfessionsloser: Areligiöse sind also (für sich) nicht „Areligiöse“. In hohem Maße nun ist diese Haltung Milieu bedingt. Vorab zeigt sich dies in den neuen Bundesländern. Aber auch in der alten Bundesrepublik gelten weltanschauliche Fragen zunehmend nicht als Gegenstand lebenspraktischer Auseinandersetzung und persönlicher Entscheidung, sondern man holt sich die Antworten, wenn solche überhaupt gesucht werden, sozusagen aus zweiter oder dritter Hand, nämlich aus dem Bereich religiöser Unbeschwertheit und  Ungebundenheit.  

Im Trend scheint also schicke Religiosität zu liegen, weniger gefragt ist religiöser Tiefgang. Die Verantwortlichen in den Kirchen sollten daher nicht allzu leichtfertig und blauäugig von einer Wiederkehr und Renaissance des Glaubens sprechen, es könnte sich nämlich ein böses Erwachen einstellen. Und wenn in anderen Zusammenhängen einer „Rückkehr des Religiösen“ oder gar einer „Desäkularisierung“ das Wort geredet wird, dann sind solche Behauptungen in keiner Weise mit den Realitäten kompatibel. Für nicht wenige Religionssoziologen kann eine Renaissance der Religion in den Ländern der westlichen Zivilisation empirisch kaum belegt werden. Darum ist auch die Behauptung, dass 77% der Europäer an Gott glauben (Bernhard Grom in: „Stimmen der Zeit“), höchst relativ; es müsste nämlich gefragt werden, um was für einen „Gott“ es sich hier denn handelt. Die in den vergangenen Jahren verstärkte mediale Präsenz von Religion, nicht zuletzt inszeniert durch den Wojtyla-Papst, „muss von der alltagspraktischen Bedeutung von Religion, der Bedeutung von religiösen Praktiken und Überzeugungen für die Lebensführung des Einzelnen unterschieden werden“ (Detlef Pollak in: „Herder Korrespondenz“). Und soweit man Auskünfte seriöser repräsentativer Befragungen der letzten Zeit ehrlicherweise heranzieht, kommt man an der Tatsache nicht vorbei, dass sich eine Trend-Umkehr nicht feststellen lässt. Daran werden auch Papst-Besuche, so wichtig und erfreulich sie jeweils sind, nichts zu ändern vermögen – mag das Wunschdenken pastoral arglos-naiver und die klaren „Zeichen der Zeit“ nicht wahrnehmender Bischöfe von besuchten Diözesen noch so groß sein. Die geradezu hysterische Züge aufzeigende Papsteuphorie im Jahr 2005, vor allem bei jungen Menschen, kann also niemals ein Gradmesser für eine Glaubenserneuerung sein; dies gilt ebenso für die Weltjugendtage, wenn sie nur Events bleiben und zu keiner echten Christusbegegnung und –erfahrung führen. In der „Papamania“ der letzten beiden Jahre mögen viele auf einmal „papstfromm“ erscheinen. Aber diese vermeintliche Renaissance des Religiösen bedeutet nicht das Ende der Religionskrise und erst recht nicht das Ende der Gotteskrise. Einer Kuschel-Religion, Religion als Gefühl stimmt man heute zu, den Anspruch des personalen Gottes jedoch lehnt man entschieden ab. Die neueste umfangreiche Studie, die der Würzburger Religionspädagoge Hans-Georg Ziebertz unlängst erstellt hat, sowie die 15. Shell-Jugendstudie vom September 2006 vermögen diese Feststellungen klar zu belegen. Aus ihnen geht eindeutig hervor, dass immer mehr Jugendliche sich als nicht kirchlich-religiös verstehen, obgleich sie paradoxerweise wünschen, religiöse Erfahrungen machen zu können, und 67% der jungen Leute es für gut finden, dass es die Kirchen gibt. Die Bänke unserer Kirchen werden also an Sonn- und Feiertagen bis auf weiteres nicht von Heerscharen junger Leute eingenommen werden. 

2.  Unbesorgtheit gegenüber Kirche
 

Von daher muss es nicht verwundern, dass auch katholische Christen im Umgang mit ihrer Kirche von immer mehr Unbekümmertheit und Unbesorgtheit geprägt sind. Hier handelt es sich nicht um eine Unbekümmertheit, die auf einen „Anstaltsgehorsam“ (Max Weber) basierte, der bewirkt hat, sich vom Glauben durch das Leben  -  auch in Leiden und Schicksalsschlägen  -  tragen zu lassen. Vielmehr macht sich seit Jahrzehnten unter den erwachsenen Katholiken aller Stände, also nicht nur unter Laien, eine neue Unbekümmertheit um den „Anstaltsgehorsam“ an sich breit. Am auffälligsten zeigt sich diese Unbekümmertheit am Umgang mit den so genannten Kirchengeboten, die seit dem 4. Laterankonzil im Jahr 1215 und verstärkt seit dem Tridentinum (1546 – 1563) als allgemeine, hochgradig verpflichtende Minimalnormen für alle Katholiken gleichermaßen gelten sollen und dementsprechend auch an zentraler Stelle, oft nach den Zehn Geboten, in den vorkonziliaren Gebetbüchern abgedruckt waren. Zu ihnen gehört das Gebot, die Sonn- und Feiertagsruhe zu halten, an diesen Tagen die Messe mitzufeiern, die Fast- und Abstinenztage zu pflegen und mindestens einmal im Jahr, und zwar zur 0sterzeit, zur Beichte und Kommunion zu gehen. Diese Kirchengebote wurden erlassen und bekräftigt, weil in den damaligen Zeiten der Besuch der normalen Sonntagsgottesdienste und der Empfang der Sakramente stark rückläufig waren.

Im 19. Jahrhundert noch als „heilsame Gewalt“ bezeichnet, wurden die Kirchengebote, die seit 1983 auch Aufnahme in das kirchliche Gesetzbuch (CIC can. 1247) fanden, als unter schwerer Sünde verpflichtend erklärt, als auch mit geistlichen Strafandrohungen verknüpft, so mit der Androhung des Verlusts der jenseitigen Heilsgüter. Auch der 1992 veröffentlichte „Weltkatechismus“ erklärt das absichtliche Versäumnis der sonntäglichen Messfeier zur „schweren Sünde“ (Nr. 2181 f). Auf diese Weise erleben wir gleichzeitig die formelle Aufwertung der Gültigkeit der Kirchengebote und die informelle Abwertung ihrer faktischen Geltung. 

Die zahlreichen statistischen und demoskopischen Erhebungen der letzten Jahrzehnte verdeutlichen einen massiven Wandel der kirchenbezogenen Religiosität und damit auch eine Erschütterung der institutionellen Kraft der katholischen Kirche. Zudem zeigt sich, dass es immer weniger möglich geworden ist, die „Religion“ und „Religiosität“ selbst der Kirchgänger ohne weiteres mit den institutionellen Erwartungen der Kirche zur Deckung zu bringen. Bereits in den 1970er Jahren verliert die Leitidee der Kirche als Heils- und Gnadenanstalt deutlich ihre Plausibilität. Seit diesen Jahren wird Nichtmitgliedschaft in der Kirche auch für bürgerliche Kreise möglich und ist nicht mehr etwas, was einen Nazi-, Kommunisten- oder Sozialistenmakel trägt. Auf biografischer Ebene zeigt sich eine Häufung der Austritte zwischen dem 27. und 33. Lebensjahr, also im Kontext des Einstiegs in das Berufsleben und von Familien- bzw. Haushaltsgründungen. Kirchensteuereinsparung ist wohl ein Anlass, aber nicht die Motivation, die sich zumeist biografisch früher herausgebildet hat, am nachhaltigsten im jungen Erwachsenenalter, das am deutlichsten in Kirchendistanz steht. Dies zeigt sich vielfach auch am ehrfurchtslosen und lässigen Verhalten und Umherstolzieren, natürlich mit Mütze oder Hut auf dem Kopf, in Kirchen, die man ob ihrer kunsthistorischen Bedeutung gesehen haben „sollte“. Hier spielen gewiss auch mit herein Frustrationen oder seelische Verletzungen, die nicht zuletzt auf kirchliche Amtsträger zurückzuführen sind.

In diesem Zusammenhang ist noch kurz auf ein Phänomen hinzuweisen: Im Jahr 2004 kamen auf je 100 Kirchenaustritte 13 Eintritte oder Wiederaufnahmen, wobei letztere tendenziell zunehmen. Das Potential der „Heimkehrer“ ist durch die große Zahl an Austritten gewachsen, es liegt aber wohl keine „Heimkehrer- oder Umkehrer-Bewegung“ vor, wie manchmal allzu euphorisch behauptet wird. Die Betroffenen nehmen sich nämlich durchgängig nicht in der Rolle eines „Bereuenden“ oder „Umkehrenden“ wahr. Überhaupt sollte so mancher Kirchenobere diesbezüglich seine unrealistischen Euphorien zurückschrauben.  

Während die Nachfragen nach Taufe und Beerdigung über die letzten Jahrzehnte relativ konstant nach unten gingen, zeigt die Kurve der Trauungen ein geradezu massives Absinken. Hier schlägt sich zum einen nieder, dass nur noch eine Minderheit der zivilen Eheschließungen homogam oder wenigstens einen katholischen Ehepartner aufweist. Zum anderen wirkt sich auch das kirchliche Trauungsverbot bei Wiederverheiratet-Geschiedenen aus. In Deutschland war 2003 jede vierte (zivil)heiratende Person zuvor schon verheiratet. Immer mehr Kinder werden auch auf katholischer Seite nicht im selben Jahr getauft, in dem sie geboren wurden; und immer weniger Kinder wachsen in einer Familie auf, in denen mindestens ein Partner katholisch ist. Hier wird bereits deutlich, dass die traditionelle Koalition von Kirche und Familie, welche die kirchliche Primärsozialisation weit gehend sicherstellte, zum Auslaufmodell wird. 

Kehren wir in diesem Zusammenhang nochmals zum sonntäglichen Gottesdienstbesuch zurück, der extrem rückläufig ist. Gingen im Jahr 1950 im Bundesdurchschnitt noch mehr als die Hälfte aller Katholiken sonntags in die Kirche, so waren es im Jahr 2004 nur noch 15 Prozent, in manchen Regionen sogar unter zehn Prozent. Somit verstoßen immer mehr Katholiken hierzulande Sonntag für Sonntag gegen ein zentrales Kirchengebot, das sie selbst subjektiv möglicherweise gar nicht mehr als eine Norm interpretieren. Damit verliert diese Norm an faktischer Verbindlichkeit, aus einer Muss- oder Soll-Norm wird eine Kann-Norm. Ganz unbekümmert gehen also inzwischen die Katholiken im Hinblick auf die Sonntagsmesse ihre eigenen Wege. Und die müssen nicht immer von einer negativen Einstellung gegenüber der Gottesdienstfeier geprägt sein, sondern ganz im Gegenteil haben gerade kirchlich engagierte Christinnen und Christen hohe Qualitätsansprüche an Verkündigung und Feier des Gottesdienstes. Wenn dann z. B. all dem das kirchliche Bodenpersonal durch grottenschlechte Predigten und liebloses Abzelebrieren der Messe nicht gerecht wird, dann stimmen eben Katholiken, die tiefer bohren, unbekümmert mit den Füssen ab, weil ihnen dadurch letztlich auch die Zugänge zu Gott verstellt werden. Dieses Wegbleiben schulden sie schließlich ihrer seelischen Hygiene. Die Kirchenbesucher-Frequenz der Katholiken nähert sich somit deutlich derjenigen auf evangelischer Seite an, die nach wie vor bei vier bis fünf Prozent liegt. Angesichts der fortwährenden alterslastigen Altersstruktur der Gottesdienstbesucher wird diese Annäherung wohl in den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren in den meisten deutschen Diözesen vollzogen sein. Die älteren Leute heute, die noch den Sonntagsgottesdienst mitfeiern, erhalten auf Dauer immer weniger „Nachwuchs“. 

Kollabiert ist regelrecht das Sakrament der Versöhnung in der Form der Ohrenbeichte, es erlebte geradezu einen Supergau. Dies ist vielleicht der härteste Indikator für die neue Unbekümmertheit und religiöse Sorglosigkeit, auch dafür, dass der Klerus die institutionelle Kontrolle über die Lebensführung und die Herrschaft über die Gewissen der Kirchenmitglieder verloren und die Sozialgestalt der Kirche sich gewandelt hat. Die Ohrenbeichte mit ihrer stabilisierten Spannung, mit ihrem „doppelten Gesicht“ (Max Weber) von „Führung“ und „Entlastung“ wurde und wird  -  neben der Taufe  -  von kirchenoffizieller Seite als heilsnotwendig definiert, wobei man allerdings im Kontext der Geschichte des Bußsakramentes den Begriff „heilsnotwendig“ relativ einzuordnen hat. Die Ohrenbeichte war ein „Eckstein“ des katholischen Gefüges in Form der „Gnadenanstalt“ und ihres Systems der „Anstaltsgnade“ (Max Weber). 

Im massiven Niedergang der Ohrenbeichtpraxis, den kein Ernstzunehmender mehr als ein „Zwischentief“ einschätzt, zeigt sich brennpunktartig die Auflösung der die Basis betreffenden Voraussetzung des institutionellen Gesamtgefüges der katholischen Kirche, nämlich des „Anstaltsgehorsams“, sowie die verbreitete Unbekümmertheit auch und gerade der Mitglieder der Kirche gegenüber ihrer Anstaltsgnade, also auch des Desinteresses an ihr als Gnadenanstalt. Indem sie die mit der Kirchenmitgliedschaft verbundenen Normanweisungen unterläuft, zeigt die deutliche Mehrheit der Katholiken, dass sie immer weniger bereit oder in der Lage ist, sich eine bestimmte Rolle im Beziehungsgeflecht der Kirche zuweisen zu lassen und das für „Sünde“ zu halten, was in ihr als Sünde deklariert wird. Jedoch ist nicht nur ein Wachstum an ritueller Abweichung der Kirchenmitglieder in als zentral definierten Glaubenshandlungen zu beobachten, auch die Devianz im Hinblick auf kirchlich definierte Glaubensvorstellungen nimmt enorm zu. 

3.  Religiöse Selbstbestimmung 

Während die Bevölkerung in den neuen Bundesländern mehrheitlich mit dem Gottesglauben wenig oder nichts anfangen kann, bekennt sich die große Mehrheit in der alten Bundesrepublik zum Glauben an Gott (71%). Aber dieser Anteil ist in den letzten Jahren rückläufig, und die Gottesvorstellungen haben immer weniger eine christliche  -  etwa personale  -  Prägung. An ein Leben nach dem Tod (46%), an die Auferstehung der Toten (33%), an den Himmel (38%) glaubt nicht einmal die Hälfte der Westdeutschen. In Ostdeutschland, wo die Mehrheit zäh konfessionslos verharrt, sind es weniger als 20 Prozent. An den Teufel glauben genauso wenig wie an die Hölle  -  nicht einmal jeder Zehnte in Ostdeutschland und jeder Fünfte in Westdeutschland. Somit gehören auch katholische Kirchenmitglieder zu den „Ungläubigen“. Von ihnen glauben sogar mehr an Schutzengel als an den dreifaltigen und Mensch gewordenen Gott. Von daher können Menschen, die rituell der Kirche nahe stehen und regelmäßige Kirchgänger sind, durchaus auf der Glaubens- und Überzeugungsebene unbekümmert kirchenfern sein. Viele von diesen rituell Kirchentreuen gehen sogar unbekümmert religiös fremd und pflegen sozusagen einen „Unglauben mitten im Glauben“. Sie stellen auch einen großen Teil der Teilnehmer an New-Age-Seminaren, gehen auf Schnuppertouren in die Esoterik-Läden und kaufen unbekümmert in Ladenketten, die nachweislich Scientology gehören. Aber auch kirchliche Bildungshäuser öffnen ihre Räumlichkeiten für Esoterik-Kurse. Insbesondere sind es die Katholikinnen und Katholiken unter ihnen, die auch  -  synkretistisch  -  Anleihen im Gottesbild und Anleihen von Glaubensvorstellungen bei anderen religiösen Traditionen vornehmen. So ist ein Drittel der rituell kirchentreuen Katholiken reinkarnationsgläubig, glaubt also an eine Wiedergeburt im diesseitigen Leben. Immer größer wird die Kluft zwischen dem, was die offiziellen Vertreter der Kirchen für  -  normativ  -  gültig halten, und dem, was faktisch gilt, was die Kirchenmitglieder faktisch glauben und leben. Immer seltener wird es freilich auch, dass die Verantwortlichen in den Kirchen das Schließen dieser Kluft einfordern, geschweige denn einfordern können.

Für die Mehrheit der Kirchenmitglieder hierzulande ist nämlich die Kirche offensichtlich keine Institution mehr, die Verbindlichkeiten für alle und für das gesamte Leben zu geben hat, irgendwie ist sie ihnen verwest, zumal Rom oft Anforderungen stellt, „die zum Teil weit von der Wirklichkeit entfernt sind“ (Helmut Kohl). So erlebt auch die Amtskirche, dass Kirche ihren spezifisch „institutionellen“ Charakter verliert. Denn immer weniger gelingt es, Einfluss auf die einzelnen durch „sozialen Zwang“ zu nehmen, in Glaubensvorstellungen und Glaubenspraktiken Gehorsam einzufordern und Verbindlichkeiten der Lebensführung herzustellen. Die Kirche verliert immer mehr die Kraft und das Durchsetzungsvermögen, Abweichungen von ihren Normen zu sanktionieren und zu bestrafen, zumal ja das Höllenfeuer erloschen ist. Und so kann Kirche zwar Glaubensvorstellungen und Verhaltensweisen festsetzen, aber kaum mehr verpflichtungsfähig durchsetzen. Denn die konkrete Kirche erweist sich als eine Größe, die sich  -  bei drohendem Kontaktabbruch  -  den individuellen Bedürfnissen zu fügen hat. Man kann es auch so sagen: Kirche als dogmatische und  als rechtliche Institution ist immer weniger gefragt und deshalb auch keine gesellschaftliche Institution mehr. 

Gefragt ist vielmehr religiöse Selbstbestimmung und nicht mehr Befehl und Gehorsam. Das Kirchenverhältnis der Mehrheit hat sich von einer vertikalen Über- und Unterordnung zu einem horizontalem Tauschsystem gewandelt. Ein selbst bestimmtes Tauschverhältnis, d. h. eine Logik von Leistung und Gegenleistung, beherrscht die Beziehung des Kirchen-„Kunden“ zu seiner Kirche, vergleichbar der Klientel von sozialen Dienstleistungsorganisationen. Neben den sozialkirchlichen Diensten sind dem Kirchen-„Kunden“ vor allem die rituellen Begleitungen der persönlichen Lebenswenden, also Taufe, Hochzeit und Beerdigung, aber auch die Feier der kollektiven Lebenswenden wie Weihnachten und Ostern wichtig, abgesehen davon, dass man ja „nie sagen kann, ob man die Kirche nicht einmal nötig haben wird“ oder auf andere (bayerisch-fränkische) Weise ausgedrückt: „Nix G’wis waas mer net!“  

Ein solcher „Kunde“ lässt sich also eine Kirchenmitgliedschaft im wahrsten Sinn des Wortes etwas kosten, wahrt jedoch im übrigen Distanz zum kirchlichen Leben, insbesondere zum kontinuierlichen und interaktiv dichten kirchlichen und sakramentalen Gemeindeleben. Immer mehr Kirchenmitglieder scheinen sich auf einer Position wohl zu fühlen, die es ihnen ermöglicht, den Kontakt dann zu verstärken, wenn die eigene Lebenssituation den Wunsch danach weckt. Diese neue Unbekümmertheit dürfte nicht allein mit der gesellschaftlichen Hegemonie des Ökonomischen und seiner beschleunigten Durchdringung fast aller Lebensbereiche, auch der religiösen, erklärbar sein. Vielmehr ist die neue Unbekümmertheit auch Ausdruck der Tatsache, dass die Position der Kirche innerhalb des gegenseitigen Abhängigkeitsgefüges in der Gesellschaft erheblich geschwächt wurde, und dass insbesondere die kirchlichen Amtsträger kirchenextern, aber auch kirchenintern eine weit gehende Minderung und Abwertung ihrer Position erfahren mussten. Man schätzt das Berufsprestige des Geistlichen zwar noch sehr hoch ein, man hört ihm zu, aber man gehorcht ihm nicht mehr und ist nicht mehr von ihm abhängig. 

Von daher ist es durchaus beachtenswert, dass den Kirchen Stellungnahmen und Einfluss noch zugestanden werden, insbesondere zu Problemzonen des medizinisch-technischen Bereichs (Sterbehilfe, Abtreibung, pränatale Diagnostik, Embryonen-Forschung), zu humanen Folgeproblemen wirtschaftlicher und politischer Entscheidungen (Zusammenleben und Integration von Ausländern, Arbeitslosigkeit, Raubtierkapitalismus, Wirtschaftsethik) und zu Fragen der universalen und partikularen Menschenwürde und Solidarität an den Schnittstellen zwischen Persönlich-Intimem und Öffentlichem (Menschenrechte, Krieg und Frieden, Ehe und Familie). Doch gilt dies kaum mehr auf der privaten Ebene, auch nicht mehr auf der staatsinstitutionellen und auf der parteipolitischen Ebene der Öffentlichkeit. Dies hat zur Folge, dass die Kirchen auf der Ebene der Zivilgesellschaft zwar ein (wichtiger) Akteur neben vielen anderen sind, doch keinerlei Monopol mehr besitzen. Diese positionelle Schwächung des Kirchlichen ist damit zu erklären, dass neben der strukturellen Pluralisierung der Gesellschaft, die Kirchliches aus den zentralen Funktionsbereichen (Wirtschaft, Politik, Wissenschaft) weit gehend und bewusst ausschließt, und dass neben der religiösen Konkurrenzierung und kulturellen Pluralisierung, die Kirchliches als nur eine Stimme unter vielen anderen Sinnstiftern relativiert, hier die funktionale Demokratisierung fast aller Autoritätsverhältnisse zu benennen ist. 

4.  „Mission“ neu und einladend denken
 

Der Psychoanalytiker und Gotteskritiker Tilman Moser, der im Jahr 1976 mit seiner hoch emotionalen Schrift  „Gottesvergiftung“, die als eine persönliche Abrechnung mit seiner eigenen engen württembergisch-pietistischen Erziehung einzustufen ist, so einige Irritationen und Verwunderungen ausgelöst hatte, schrieb vor einiger Zeit den bemerkenswerten Satz: „Es gibt eine heute weit verbreitete Unkenntnis von Gott und seiner Geschichte, und manchmal fragt man sich, ob eine weitgehende Unwissenheit über Gott nicht auch neurotisch sein kann, auch wenn sie eine massenhafte soziale Erscheinung ist“. Mit dieser Aussage bestätigt Moser letztlich die Gegebenheit, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der sich keine homogene Grundlage spiritueller, religiöser und ethischer Überzeugungen, von denen alle geleitet werden, finden lässt. Religion als Stimmung und Wellness, als Kuschelecke und Gefühl wird bejaht, der personale Gott als Anspruch aber verneint und abgelehnt. Doch ist diese Verneinung nicht kategorisch gemeint wie noch im Sinn der leidenschaftlichen Atheismen, vielmehr erleben wir eine öffentliche Geistesabwesenheit des Christentums und neopagane Verblödung. 

Es ist eine unübersehbare Tatsache, dass wir in einer Zeit „der religionsfreundlichen Gottlosigkeit, in einem Zeitalter der Religion ohne Gott“ leben. Das durchaus bestehende große religiöse Interesse läuft aber weithin an Christentum und Kirchen vorbei hinein in ein Neuheidentum, das viele Gesichter hat. Des weiteren müssen wir feststellen, dass in den meisten wirtschaftlich entwickelten Ländern in Europa und Nordamerika sich ein spiritueller Niedergang eingestellt hat, militanter Säkularismus und Pluralismus zerfressen die Struktur der Gesellschaft und kompromittieren und schwächen dadurch die Kirchen in ihrem Zeugnis. Vielerorts hat sich eine geistliche Wüste ausgebreitet, eine unerklärbare Angst, ein verborgener Abgrund. Viele Zeitgenossen sind wie zerborstene und leere Zisternen, auf einer verzweifelten Suche nach Sinn, nach einem letzten Sinn, den nur die Liebe schenken kann.  Das dadurch entstandene Vakuum wird allzu gern mit trügerischen Kulten gefüllt. Von der Religiosität her leben wir, das konnten u. a. die Weltjugendtage in Köln, Sydney oder Madrid zeigen, sozusagen in einem Zeitalter der paradoxen Säkularisierung. Dies bedeutet, Gott verschwindet nicht einfach aus den Köpfen und Herzen der Menschen, auch wenn sie im Alltag kaum noch mit ihm zu tun haben, auch wenn die Macht der Kirchen schwindet und die Leute nicht mehr wissen, ob es sieben oder zehn Gebote gibt. Den meisten bleibt die Gottesahnung, mal stärker und mal schwächer. Das Dogmengebäude der Kirchen wird aber nicht ernst genommen: Jesus ist cool, Buddhismus aber auch ganz nett. Des weiteren gilt es folgendes zu bedenken: in einer Erlebnis- und Spaßgesellschaft, in einer Welt der ambivalenten Dimensionen der Globalisierung und des Zusammenschrumpfens der Werteordnung auf Wertpapiere, in einer Zeit hoher ethischer Desorientierung können die Kirchen in Seelsorge und Liturgie nicht einfach so weiter machen, als habe sich nichts verändert. Vielmehr „muss die Kirche den Wandlungen alles Irdischen Rechnung tragen. Sie kann ewige Wahrheiten und ewiges Leben in die Zeit nur hinein tragen, indem sie jedes Zeitalter nimmt, wie es ist, und seiner Eigenart gemäß behandelt“ (Edith Stein). 

Darin aber liegen ungeahnt neue Chancen, wenn die Vertreter des kirchlichen Bodenpersonals in der gesellschaftlichen Öffentlichkeit mit mehr selbstbewusster Demut auftreten und eine einladende Kirche präsentieren sowie sich auf das von Papst Johannes XXIII. geforderte „aggiornamento“ der Kirche einlassen würden. Darüber hat er bereits lange vor seiner Papstwahl meditiert und folgende Sichtweise entwickelt: Aggiornamento versteht sich im Blick auf den einzelnen als „ein intensives Streben nach Heiligkeit“. Im Blick auf die Kirche wird es „vor allem als Dienstbereitschaft füreinander verstanden“. Im Blick auf die Sendung des Christen lässt es sich als „Zuwendung zum Mitmenschen“ verstehen und im Blick auf das Voranschreiten der Kirche erfordert aggiornamento ein „waches Bewusstsein für die Herausforderungen der Gegenwart“ (vgl. Michael Bredeck, Das Zweite Vatikanum als Konzil des Aggiornamento, Paderborn 2007, Seite 235). Alle vier Zielrichtungen des aggiornamento sind für eine heutige missionarische Pastoral wegweisend. Von daher dürfen wir auf keinen Fall suchenden Menschen Glaubenssätze und Moralrezepte um die Ohren hauen, sondern wir müssen ihnen die faszinierende Botschaft Jesu wie einen Mantel hinhalten, in den sie hineinschlüpfen können. Offenbar aber will es der Kirche nicht gelingen, die heutige Wahlfreiheit, ob man Christ werden will oder nicht, pastoral so zu bewirtschaften, dass sie viele, vor allem junge Menschen, für das Evangelium gewinnt. In der gegenwärtigen Situation brauchen wir von daher im katholischen Bereich „eine offene Katholizität mit geistiger Tiefe und Noblesse“ (Tomás Halík). Wir müssen also bei aller Klarheit und Bestimmtheit das einladende Moment, die Liebenswürdigkeit der christlichen Botschaft zum Tragen bringen. Denn Christentum, Kirche und Liturgie sind zweifelsfrei zu einem Sanierungsfall geworden. 

Die wesentliche Erkenntnis dürfte also sein, dass sich christliche Mission in unseren europäischen Breitengraden erstmalig mit einem Milieu konfrontiert sieht, das schlechthin selbstverständlich und unbekümmert areligiös ist. Denn in ihrer 2000jährigen Geschichte traf christliche Mission bisher immer auf eine Art Volksreligiosität, auf mehr oder minder ausgereifte Gottesvorstellungen, an die sie kritisch anknüpfen und die sie korrigieren oder weiterentwickeln konnte. Ein solcher Anknüpfungspunkt ist bei den „neuen Heiden“ in Ost und West erheblich schwieriger zu finden, als manch wohlmeinender Rat sich vorstellt. Denn ganzheitliche und metaphysische Fragen werden heute kaum noch verstanden, da vielfach areligiös gedacht wird. Dabei gilt es, noch folgendes zu bedenken und einzuordnen. In der ehemaligen DDR hat die SED vieles abzuschaffen versucht: das Privatkapital, den Markt, die Demokratie und die Ungleichheit (obwohl dann manche doch ”gleicher waren als die Gleichen”). Das meiste kam wieder, nur eines kam nicht mehr: das Christentum. Das Verschwinden der Religion, die fast totale Entchristlichung ist der größte Erfolg der SED. Dies erfolgte u. a. dadurch, dass engagierte Pfarrer und Christen willkürlich verhaftet, Gemeinden von der Stasi unterwandert, nicht angepasste junge Leute vom Besuch der höheren Schule suspendiert oder von der Universität relegiert wurden. Glanzstück des erfolgreichen sozialistischen Religionsersatzes war die Besetzung bis dato christlich geprägter Lebensformen und Rituale. Es darf noch angemerkt werden, dass man bis jetzt von der neuen Linken, der Nachfolgepartei der SED, kein Wort der Reue zu dieser Kulturschande, keine Bitte um Vergebung für die unzähligen Repressionen an die Christen hört. Diese Geschichtsvergessenheit und Realitätsverdrängung bzw. -verweigerung ist bemerkenswert für diese Partei, die sich heute zur Verteidigerin von Ehrlichkeit, Gerechtigkeit, Menschenrechte und Humanität aufschwingt, Werte, die sie zu DDR-Zeiten mit Füßen getreten hat. Somit unterschlägt sie schlichtweg dabei die historische Wahrheit ihrer eigenen Herkunft aus einer der übelsten Despotien der Nachkriegszeit. In diesen Zusammenhang passt vortrefflich, dass schon seit einiger Zeit wieder Stasi-Exponenten und Apologeten des mörderischen Grenzregimes offen auftreten und sich unter dem Schutz unserer oft zweifelhaften Gerichtsbarkeit als Opfer des freiheitlichen Staates frech gebärden. Eine Ausnahme aber gibt es: der achtzigjährige Günter Schabowski, der damals am 09. November 1989 im Fernsehen die Öffnung der Mauer ankündigte und sich heute von all den Schandtaten dieses DDR-Unrechtsstaates, an denen er selbst mitgewirkt hat, mehrfach distanziert und um Entschuldigung  gebeten hat

Abneigung und Distanz eines Großteils der Zeitgenossen im Hinblick auf Christentum und Kirchen sind augenscheinlich. Denn in den westlichen Gesellschaften haben wir in eklatanter Weise eine faktische Verabschiedung aus dem Raum kirchlicher Gemeinschaft und christlicher Lebensorientierung zu konstatieren. Nach der im Jahr 2006 veröffentlichten Sinus-Milieustudie, welche die Deutsche Bischofskonferenz in Auftrag gegeben hatte, ist die Kirche in der Wahrnehmung der Bevölkerung nur noch in drei von zehn untersuchten so genannten „Milieus“ repräsentiert. In allen anderen begegnet ihr mehr oder minder Ablehnung oder Desinteresse. In den gesellschaftlichen Leitmilieus fehlt jede kirchliche Spur. Entsprechend einer aktuellen Umfrage ist den Zeitgenossen in unserem Land nur 18 Prozent der Glaube an Gott existentiell wichtig und ganze 10 Prozent die Kirche.  Von daher ist die Weitergabe des christlichen Glaubens nicht mehr selbstverständlich und gesichert. Zudem ist der Vorrat an gemeinsamen Glaubensüberzeugungen weitgehend erschöpft oder wenigstens verringert. Die Substanz gemeinsamer Werte bröckelt immer mehr ab. Selbst der allenthalben feststellbare Boom des Religiösen erweist sich bei genauerem Hinsehen als zweifelhafter Trost. Von einer Renaissance, von einer Wiederkehr der Religion, wie manche sie herbeireden wollen, sind wir gegenwärtig weit entfernt. Dagegen gibt es tiefes Verlangen nach Religiosität und Orientierung. Dieses Verlangen wird allerdings von den Kirchen nicht gestillt, die offenbar an den Bedürfnissen der Menschen vorbeireden, da sie sich zudem in der „Sprache Kanaans“, das heißt in einem Theologenjargon oder -kauderwelsch äußern, mit dem heutzutage kaum jemand etwas anfangen kann. Die Sprache der Kirchenleute ist seit langem nicht mehr die Sprache der Menschen. Ganz krass zeigt sich dies z. B. an dem päpstlichen Erlass zur Gewährung eines Ablasses im Paulus-Jahr vom 1O. Mai 2008. Diese Sprache ist völlig abgehoben, gespreizt und „wonnebrunserisch“ und ganz weit weg vom heutigen Menschen. In den Kirchen sollte man sich ein Beispiel nehmen an Papst Johannes XXIII., der in all seinen Predigten und Ansprachen in einer schlichten Unmittelbarkeit ausgesprochen hat, was ihn jeweils bewegte. Und dies geschah mit ungekünstelter Ungezwungenheit, mit bescheidener und überzeugender Liebenswürdigkeit; diese Sprache kam bei den Menschen an.

Hinzu kommen dann noch gesellschaftliche, wirtschaftliche und technische Vorgänge und Entwicklungen von einer ungeheuren und für mich oftmals geradezu ungeheuerlichen Tragweite. Eine sittliche Verwahrlosung auf einer anderen Ebene sind eine unbekümmerte sexuelle Libertinage sowie die geradezu erschreckende Zunahme von Kinderpornographie und Pädophilie, und dies verschiedentlich bis hinein in oberste kirchliche Kreise. Bei diesen Verbrechen an unschuldigen Kindern und jungen Menschen gibt es für mich Null-Toleranz.

Die wesentliche Erkenntnis, die aus all dem bisher Gesagten zu ziehen ist, dürfte sein, dass sich christliche Mission in unseren europäischen Breitengraden erstmalig mit einem Milieu konfrontiert sieht, das schlechthin selbstverständlich und unbekümmert areligiös ist. Denn in ihrer 2000jährigen Geschichte traf christliche Mission bisher immer auf eine Art Volksreligiosität, auf mehr oder minder ausgereifte Gottesvorstellungen, an die sie kritisch anknüpfen und die sie korrigieren oder weiterentwickeln konnte. Ein solcher Anknüpfungspunkt ist bei den „neuen Heiden“ in Ost und West erheblich schwieriger zu finden, als manch wohlmeinender Rat sich vorstellt. Denn ganzheitliche und metaphysische Fragen werden heute kaum noch verstanden, da vielfach areligiös gedacht wird. Von daher scheint es mir geboten, den Begriff „Mission“ neu zu denken und zu definieren. Irgendwie hat er ja immer noch ein bestimmtes und abwertendes „G’schmäckle“. Wenn der Ruf nach einer missionarischen Kirche immer lauter ertönt, ist kritisch anzufragen, ob es hier nicht vielleicht einer in die Enge geratenen Kirche vor allem um sich selbst geht, also um Mitgliederwerbung und (nicht zuletzt finanzielle) Stabilisierung oder um erneute Ausweitung der verloren gegangenen gesellschaftlichen Einflusssphäre. Wem wollen wir denn mit „Mission“ wirklich etwas Gutes tun? Vor allem uns oder vor allem den anderen? Mission meint eigentlich „auf Sendung gehen“ und nicht „zum Magneten werden“. Also geht es doch wohl darum, die Menschenfreundlichkeit unseres Gottes möglichst effektiv, aber absichtslos, zu vermitteln, ganz gleich „ob uns das was bringt oder nicht“. Wir müssen kräftiger unsere Potenziale nützen. Treffend vermittelt dies ein Text des verstorbenen brasilianischen Erzbischofs Dom Hélder Camara:

Mission heißt aufbrechen,

sich auf den Weg machen,

alles lassen,

aus sich herausgehen,

die Kruste des Egoismus zerbrechen,

die uns in unser Ich einsperrt. 

Mission heißt aufhören

sich um sich selbst zu drehen,

als wären wir allein der Mittelpunkt

der Welt und des Lebens. 

Mission heißt sich nicht einschließen

in die Probleme der kleinen Welt,

zu der wir gehören.

Die Menschheit ist viel größer. 

Mission heißt immer aufbrechen,

aber nicht Kilometer fressen. 

Mission heißt vor allem

sich öffnen für die anderen als

Geschwister,sie finden

und ihnen begegnen. 

Und wenn es nötig ist,

um sie zu finden und zu lieben,

die Meere durchkreuzen

und durch die Lüfte fliegen,

dann ist Mission aufbrechen

bis an die Grenzen der Erde.

 5.  Charme und Chance 

Versuchen wir nun, strategische Konsequenzen für eine „Diaspora der dritten Art“ auszuloten. Wir mussten zur Kenntnis nehmen, dass es sich auch ohne Gott gut leben lässt. Die Umgebung scheint nicht mit Ungeduld auf die christliche Botschaft zu warten  -  und das gilt eigentlich seit Beginn der Neuzeit. Es müsste sehr nachdenklich machen, was der Journalist und Autor Harald Martenstein vor kurzem einmal in DIE ZEIT schrieb: „Das Christentum ist die einzige Religion, die sich selbst nicht mehr ganz ernst nimmt…..Es steht bescheiden am Rand der Gesellschaft, es wird nicht diskriminiert, aber auch nicht wirklich benötigt, weil die Geschäfte auch ohne Sinnstiftung ganz gut gehen. Christentum ist ein Serviceangebot an diejenigen, die noch ein paar spirituelle Restbedürfnisse haben, die Yoga allein nicht stillen kann. Warum, zum Teufel, dann nicht gleich vernünftig werden“? Es stimmt also doch: ungezählte Zeitgenossen haben vergessen, dass sie Gott vergessen haben. Die Situation, die Friedrich Nietzsche mit seiner „Gott-ist-tot“- Metaphorik hellseherisch beschrieben hat, ist inzwischen sogar so eskaliert, dass sie wohl auch dem letzten aufmerksamen Christen bewusst geworden ist. Martin Bubers „Gottesfinsternis“ reicht bis in die Familien, auch in die von kirchlich engagierten Laien und Verantwortlichen. Das führt zu Ermüdungserscheinungen und Resignation oder zu aggressiver Kritik, die sich an die Welt oder ersatzweise an die Kirche richtet; denn irgendjemand muss ja wohl an der Misere Schuld sein. So ist es dringend geboten, hier einen Mentalitätswechsel auf den Weg zu bringen. Gefragt sind kreative, risikobereite und konstruktive Neuansätze, das will heißen Inkarnation und Inkulturation statt Selbst- oder Fremdzerfleischung bzw. pastoraler Selbsterhaltungsbetrieb. Schnell wirkende Patentrezepte dazu gibt es allerdings nicht. Wir sind also gezwungen, uns in der „Tugend der Ratlosigkeit“ zu üben und zu bewähren. Denn noch nie in ihrer Geschichte war die kirchliche Verkündigung mit einem so flächendeckenden und relativ stabilen areligiösen Milieu konfrontiert. Doch können einige Erfahrungen aus den neuen Bundesländern aufzeigen, dass die Situation der Gottesfinsternis uns Christen in gewisser Weise entgegenkommt, also eine Chance bedeutet und einen eigenen Charme entfaltet. Dies gilt es nicht zu verpassen. Wir sollten deshalb vorab in den alten Bundesländern das kurzsichtige Kirchengejammere einstellen. Zehn Eckpunkte mögen diese Herausforderung an Theologie und Pastoral verdeutlichen: 

1.)  Konfessionslos im Osten ist im Prinzip etwas anderes als konfessionslos im Westen. Denn innerhalb von 40 Jahren sozialistischer atheistischer Erziehung in der DDR hat in den neuen Ländern bereits die dritte und vierte Generation keinerlei Kontakt zur Botschaft Jesu, steht aber dem Christentum meist nicht abweisend gegenüber, sondern gleichgültig oder neugierig. Im Westen hingegen waren die meisten Konfessionslosen bereits einmal kirchlich sozialisiert und kehrten aus diversen Gründen (Kirchensteuer, Ärger mit Leuten aus dem kirchlichen Bodenpersonal, Frust über gewisse Entwicklungen oder Reformstau in der Kirche, unbekümmerte Gleichgültigkeit und dgl.) der Kirche den Rücken. Bei diesem Personenkreis findet man keine Unvoreingenommenheit oder gar Neugierde vor, sondern im Gegenteil zuweilen Hass und schroffe Ablehnung bzw. Zurückweisung. Hinzu gesellt sich dann vielfach noch die Säkularisierungsthese, die besagt: „Weil der heutige Mensch glaubt, dass es modern ist, nicht zu glauben, wendet er sich vom Glauben ab“ (Hans Joas). Doch ist hier mit zu bedenken, dass dem Kirchenaustritt bei vielen oft ein langjähriger Entfremdungsprozess vorausgeht. Dennoch hegen diese Menschen direkt oder indirekt den Wunsch, mit einem Seelsorger darüber zu sprechen. Sicher werden die Kirchenaustritte von den Standesämtern an die Pfarreien weitergeleitet. Dort werden jedoch vom kirchlichen Bodenpersonal keine seelsorgerlichen Initiativen ergriffen, sodass der eine oder andere Ausgetretene zu Äußerungen gelangt wie dieser: „Am meisten hat mich enttäuscht, dass euch das völlig wurscht ist“. Solch eine Reaktion ist typisch für ein Kirchenmitglied, das seinen Austritt als Aufschrei versteht, welcher aber von verständnislosen Seelsorgern nicht gehört und wahrgenommen wird  -  bezeichnend für einen satten und geistlosen pastoralen Selbsterhaltungsbetrieb.  

2.)   Wo keine religiösen Vorstellungen vorhanden sind, muss man auch keine falschen Vorstellungen zerstören. In den alten Bundesländern gibt es hingegen oft eine aggressive Haltung gegen alles, was nur entfernt mit Kirche zu tun hat. Im Osten ist diese Haltung eher selten. Stattdessen findet sich dort oft eine erstaunliche Offenheit und auch vorsichtige Neugierde; denn „Neugierde ist der unersättliche Wunsch zu erfahren, was es in der Welt gibt“ (Peter Bieri). 

3.)   Die Christen werden von daher in einer „Diaspora der dritten Art“ rasch auf ihre „Kernkompetenz“ zurückgeführt, ja zurück gezwungen. Die Außenstehenden wollen wissen: „Wozu seid ihr als Christen eigentlich gut? Was bringt uns das Christentum?“ Die innerkirchlichen Reizthemen sind für Außenstehende nachweislich zumeist uninteressant und unverständlich. Wenn sie uns anfragen, dann als Menschen, die mit Religion und mit der Frage nach Gott Erfahrung haben, die Gottesdienste feiern und beten können. Das ist der Kern, wo wir als Christen kompetent sein sollten und müssten: Wir sind sozusagen die Gotteserfahrenen und müssen hier Auskunft geben. Den anderen ist nämlich für diese Dinge die Sprache abhanden gekommen, es fehlen ihnen die Bilder, Symbole und Gleichnisse für die Situationen, in denen auch ihnen Gott begegnet. Auch sie suchen Segen, Vergebung, Hoffnung, und sie wollen die Erfahrung von Endlichkeit und trotz alledem Geborgenheit irgendwie thematisieren. Und so befinden sie sich auf der Suche nach Sinn hinter dem Leben, auf der Suche nach einem glückenden und erfüllenden Lebensentwurf und nach Antworten in ihren existentiellen Fragen. Auf diese Weise kommt ein nicht zu leugnender Hunger nach Spiritualität, nach innerer Ausgeglichenheit und geistiger Tiefe jenseits der Verführung durch das Banale zum Tragen. Es dürfte sich hierbei wohl um eine „scheue Religiosität und Glaubenssehnsucht“ (Tomáš Halík) handeln. Sehr anschaulich äußern sich diese tieferen Zusammenhänge bei der Eisschnellläuferin, mehrfachen Olympiasiegerin und Weltmeisterin, Claudia Pechstein. Diese junge Frau kommt aus dem früheren Ostberlin, der „Hauptstadt der DDR“, ist ungetauft und unchristlich aufgewachsen. Noch nach Jahren ist sie erfüllt von der großen Traurigkeit, die der urplötzliche Tod eines engen Freundes in ihr ausgelöst hat, der auf der Autobahn von Berlin nach Rostock bei einem tragischen Unfall ums Leben kam und in seinem Auto verbrannte; und mit ihm verbrannten Hoffnungen, Wünsche und ganz persönliche Träume. So bekennt sie: „Diese Erfahrung führt mich zu der Frage, die schon tausendfach gestellt wurde, die alle Menschen irgendwann einmal stellen: Wenn es wirklich einen Gott gibt, warum verhindert er solche Ereignisse nicht? Mag sein, dass diese Denkweise blauäugig ist. Aber irgendwo muss doch dieser Gott stecken, dem so viele Menschen so viel Macht und Kraft zusprechen!“ Bei diesem Fragen sei verwiesen auf die Anfrage, die Papst Benedikt XVI. bei seinem Besuch im Vernichtungslager Auschwitz im Mai 2006 gestellt hat. Es ist dies eine Frage, von der viele meinen, dass sie ein Papst niemals stellen dürfte. Er nennt dies „ein inwendiges Schreien zu Gott: Wo warst du in jenen Tagen? Warum hast du geschwiegen? Warum konntest du dies alles dulden?“ 

4.)     In einer „Diaspora der dritten Art“ müssen wir Christen die anderen nicht „zurückholen“. Dieses Problem, das oft Volkskirchen hatten oder Eltern gegenüber ihren Kindern oder Pfarrer gegenüber ehemaligen Gemeindemitgliedern, reduziert sich in den neuen Verhältnissen. Man kann vielmehr neugierig auf die andere Seite zugehen  -  wie in ein unbekanntes Land  -  und darf gespannt sein, ob und wie sich die Dinge dann entwickeln. Dies führt zu einer großen Gelassenheit und befreit von aufgeregter „missionarischer“ Hektik. Voraussetzung für eine solche Befindlichkeit und Erfahrung ist eine Überzeugung, dass bei allem Wissen um den vielerorts geradezu beängstigenden Rückgang des Glaubens und den nicht zu leugnenden Schatten und Runzeln im Kirchengefüge dennoch viele positive Aufbrüche und Erfahrungen auszumachen sind, die letztlich und endlich in der Wirkungsgeschichte des Vatikanum II begründet liegen, das viele Hoffnungen auf ein „Aggiornamento“ (Papst Johannes XXIII.), auf ein „update“ in Theologie und Kirche geweckt hat. Und so gibt es wirklich eine lebendige Kirche, in der so viel Positives vorhanden ist, in der so viele Menschen bereit sind, sich für ihren Glauben einzusetzen, ihre Freizeit dafür herzugeben, auch Geld oder sonst etwas von ihrem Eigentum beizusteuern, einfach mit ihrer lebendigen Existenz mit beizutragen. Wenn demgegenüber gewisse Gruppen am rechten Rand sich für autorisiert erachten, nur das Negative zusammenzutragen, und meinen, bei ihren jährlichen „Freude-am-Glauben-Kongressen“ mit negativer Stimmungsmache neue Glaubensfreude wecken zu können, dann gehen diese Eiferer meilenweit an den diversen Realitäten vorbei und verkennen die „Zeichen der Zeit“ (Papst Johannes XXIII.), was bedeutet, dass sie nicht bereit sind, den Zeichen Gottes in unserer Zeit nachzuspüren (vgl. Laudatio von Kardinal Walter Kasper zum 70. Geburtstag von Kardinal Karl Lehmann). Deshalb darf es den Kirchen in einer „Diaspora der dritten Art“ nicht um möglichst viel Besitzstandwahrung gehen, sondern um einen neuen Impuls, um Neuaufbruch und Evangelisierung, um ein im besten Sinn des Wortes radikales und begeisternd mitreißendes Christsein, das auch die lähmende und angesäuerte Kirchenmigräne überwindet. Wohin sollten wir denn sonst gehen? Wer hat uns denn weit und breit Besseres zu bieten? „Das Christentum ist eben nicht für die Mottenkiste der Geschichte bestimmt“ (Papst Benedikt XVI.).  

5.)  Diese Dimensionen wurden mir auf einmal ganz klar bei einer Begegnung mit neu getauften Erwachsenen der Diözese Magdeburg in Kloster Helfta. Da wurde man Zeuge der inneren Prozesse, der Suche und der Sehnsucht, bis hin zum Ruck, zum Ja zur Taufe. Was diese Neuchristen an Glaubensfreude vermittelt und ausgestrahlt haben, machte mich, der ich fünf Tage nach meiner Geburt getauft wurde und dann „schlicht und einfach“ in die Kirche hineinwuchs oder auch nicht, sehr nachdenklich und demütig. Auf eine höchst bedenkliche und sehr betrübliche Tatsache muss allerdings verwiesen werden. Nicht wenige Priester in den neuen Bundesländern, die erwachsene Menschen auf ihrem Weg zur Taufe begleitet haben, bekommen von denen, die dann in den Westen gegangen sind, bedrückende Rückmeldungen. Denn durch gottleeres und liebloses Abzelebrieren der Gottesdienste und durch eine spirituell äußerst dürftige Verkündigung westlicher Geistlicher werde ihnen der weitere und tiefere Zugang zu Gott versperrt. Zudem verweigern sich viele christliche Gemeinden in den alten Bundesländern, neu getaufte Ossis in ihre Reihen aufzunehmen und ihnen eine warme und motivierende Geborgenheit zu geben. 

6.)  Mission neu und intelligent denken bedeutet u. a. den Mut haben, neben der Keimzelle des organisierten Christentums, der klassischen pfarrlichen Kirchengemeinde, alternative Organisationsformen in der Gestalt von so genannten Profilgemeinden aufzubauen. Ihre Mitglieder verbindet nicht der Wohnort, sondern ein Interesse oder eine Lebenslage. Mobilität, Lebensgestaltung und Lebensrhythmen haben sich ja in den letzten Jahrzehnten grundlegend verändert, so dass eine Territorialstruktur der Ortsgemeinden einen Großteil der Gesellschaft gar nicht mehr erreicht. So gibt es dann z. B. eine Jugendgemeinde, wo die jungen Leute über und mit Gott reden können, wie es ihrer Grundbefindlichkeit entspricht. Oder es entsteht eine Meditationsgemeinde, wo sich Menschen zusammen finden, die Orte der Stille und Ruhe suchen. Hier können sie hineingeführt werden in die reichen Schätze der abendländisch-christlichen Mystik und brauchen sich nicht mehr in Esoterikläden oder auf fernöstliche Meditationswiesen begeben. Eine weitere Art von Profilgemeinde kann eine „Trauerpastorale“ sein, eine Gemeinde für Menschen, die den Verlust von Angehörigen oder Freunden zu beklagen haben. Was im Bistum Limburg bereits Realität ist, sollte man anderswo vor allem in städtischen Agglomerationen ernsthaft andenken, auch wenn sich in solchen Profilgemeinden traditionelle Kirchgänger nicht blicken lassen. Wer weiß, vielleicht sind diese alternativen Gemeinden ein unerlässliches Standbein von Seelsorge der Zukunft.  

7.)  Wie aus der vor einiger Zeit erstellten Heidelberger Sinus-Milieustudie hervorgeht, verliert die Kirche zunehmend zu wichtigen gesellschaftlichen Gruppen den Kontakt, dennoch stößt sie in nahezu allen Milieus auf Neugierde und auf ein Interesse an christlichen Werten und Sinnangeboten. Hinter oft harscher und harziger Kritik findet sich erstaunlicherweise ein gewisses Sympathiepotenzial. Denn auch in moderneren Lebenswelten suchen Menschen nach Sinn und Lebenserfüllung und sind sensibel für eine gelingende Lebensführung. Bestimmte Gruppierungen in den heutigen Milieus nutzen die Kirchen durchaus instrumentell als eine Inspiration unter vielen Sinnangeboten und Ratgebern, wenngleich das Bedürfnis nach einer übergeordneten Sinninstanz von geringerer Bedeutung ist, und die „göttliche Legitimität“ der Kirchen sowie ihr absoluter Wahrheitsanspruch bestritten werden. Gehör finden sie noch in den konservativen und traditionsverwurzelten Gesellschaftsschichten sowie in Teilen der bürgerlichen Mitte, was aber nicht bedeutet, dass ihre Akzeptanz nicht auch dort erheblich in Frage gestellt wird. In postmoderne Lebenswelten der Gesellschaft dringen die Kirchen außer bei besonderen Ereignissen oder wichtigen privaten Anlässen derzeit kaum vor. Vielmehr verbindet gerade die heute jüngere Generation mit Kirche Rückständigkeit, Unbeweglichkeit und Engstirnigkeit. Dies bestätigt auch die neueste Sinus-Studie über Jugend und Katholizismus. Trotz Weltjugendtags und Papst-Euphorie hat die Mehrheit der Jugendlichen in Deutschland eine große Distanz zur Kirche. Es gibt zwar in allen Jugend-Milieus eine große Sehnsucht nach Spiritualität und Sinnsuche, doch spielen dabei feste Glaubenssätze und Kirchen kaum eine Rolle. Kirche steht heute bei Jugendlichen in Konkurrenz mit einer Vielzahl von Sinnangeboten. Dabei fragen die jungen Leute heute ganz schlicht und ergreifend, was ihnen persönlich nütze und wo sie ihr Image gegenüber Altersgenossen verbessern könnten. Laut dieser Sinus-Studie reichen die Kirche und ihre Jugendorganisationen drei von sieben jugendlichen Lebenswelten, nämlich die „traditionellen“, die „bürgerlichen“ und die „post-materiellen“. In diesen Milieus lebt etwa ein Viertel aller Jugendlichen. Allerdings würden diese Lebenswelten künftig deutlich kleiner, was für Kirche und deren Jugendverbände bedeutet, dass ihnen noch mehr junge Menschen weg brechen. Mit den anderen Leitmilieus wie den dynamischen „Performern“ und „Experimentalisten“ haben die kirchlichen Verbände fast überhaupt keinen Kontakt. Jugendliche aus diesen Leitmilieus zeichnen sich laut Sinus-Studie durch Pragmatismus, Technologie- und Medienaffinität sowie durch eine insgesamt lustvolle Lebenseinstellung aus. Und dieses Lebenskonzept finden sie eben in der Kirche nicht.  Aus diesen Analysen geht eindeutig hervor, dass die Kirche ein Image- und Kommunikationsproblem vor sich herschiebt und ihr durchaus vorhandenes und abrufbares Potenzial nicht nutzt. Daraus folgt für eine heutige kirchliche Pastoral, deren Leitmotiv nicht ein „Selbsterhaltungsbetrieb“ ist, sich auf die immer pluraler werdende Gesellschaft einzulassen, deren unterschiedliche Wertprioritäten, Lebensstile und Einstellungen besser wahrzunehmen sowie kommunikationsfähiger zu werden. Kirche müsste von daher in der Gesellschaft präsenter sein; sie braucht sich nicht zu verstecken, sondern sollte mit selbstbewusster Demut auftreten. Dies führt dann zur notwendigen Konsequenz,  dass  die bisherige kooperative Seelsorge, also eine Kooperationspastoral, die sowieso immer nur Löcher stopft, in der gegenwärtigen Situation nicht weiter hilft. Wir benötigen vielmehr eine Kommunikationspastoral, eine Pastoral, die auf die Menschen zugeht, die mit den Menschen kommuniziert und sie einlädt, ohne ihr klares kirchliches Profil aufzugeben. Dazu sind vonnöten Visionen, Mut zum Risiko, Gottes- und Menschenleidenschaft, größere Transparenz sowie die Überzeugung, dass jegliche pastorale Tätigkeit letztlich der gemeinsame Weg und die Einführung in das Gottesgeheimnis und somit ein mystagogisches Geschehen ist. Letzteres kann gelingen durch eine „stilistische Öffnung“ wie zum Beispiel über Musik und Ästhetik und neue Gottesdienst- und Feierformen. Seelsorgestrukturen müssen von daher kommunikationsfähiger und transparenter werden, sie müssen Leben einhauchen, ansonsten kann man vielerorts in einigen Jahren den Laden dicht machen. 

8.)   Von daher darf die zum Teil bedrückende Situation von Christentum und Kirchen in der heutigen säkularisierten Gesellschaft niemals Anlass zu Defätismus und Niedergeschlagenheit sein. Auch so manche negative kirchliche Entwicklungen in den Jahrzehnten nach dem Vatikanum II sind nicht dazu angetan, von gewissen Kreisen bei ihren schon einmal erwähnten Kongressen „Freude am Glauben“ an den Pranger gestellt zu werden. Mit negativ besetzten Resolutionen stiftet man keine Freude am Glauben, sondern sät Misstrauen und Verärgerung. Bei allem Auf und Ab im gesellschaftlichen und kirchlichen Bereich ist es höchst angebracht, sich an die Ansprache von Papst Johannes XXIII. zur Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils am 11. Oktober 1962 zu erinnern. Der Papst warnte eindringlich vor jenen Ängstlichen, die in den heutigen Verhältnissen nur Unglück und Untergang sehen: „Wir aber sind völlig anderer Meinung als diese Unglückspropheten, die immer das Unheil voraussagen, als ob die Welt vor dem Untergang stünde. In der gegenwärtigen Entwicklung der menschlichen Ereignisse, durch welche die Menschheit in eine neue Ordnung einzutreten scheint, muss man viel eher einen verborgenen Plan der göttlichen Vorsehung anerkennen. Dieser verfolgt mit dem Ablauf der Zeiten, durch die Werke der Menschen und meistens über ihre Erwartungen hinaus sein eigenes Ziel, und alles, auch die entgegen gesetzten menschlichen Interessen, lenkt er weise zum Heil der Kirche“. Diese von einem grenzenlosen Optimismus getragenen Sätze haben auch nach über 40 Jahren nichts von ihrer Gültigkeit eingebüßt. Und einen solchen Optimismus gilt es, sich wieder zu Eigen zu machen. Denn „Tradition bedeutet nicht Anbetung der Asche, sondern Weitergabe des Feuers“ (Papst Johannes XXIII.). 

9.)  Dass das Christentum in der heutigen Lebenswelt immer weltloser geworden und seiner die Gesellschaft gestaltenden Kraft immer mehr verlustig gegangen ist, hat seinen historischen Grund, der beim europäischen Christentum selbst zu suchen ist. Denn zweifellos muss man die in den neuzeitlichen Gesellschaften Europas dominant gewordene Privatisierung des christlichen Glaubens zu den zwar ungewollten, aber nichtsdestotrotz fatalen Folgewirkungen der abendländischen Kirchenspaltung zählen. Die konfessionelle Spaltung Europas mit ihren entsetzlichen Konsequenzen und die tragische Unfähigkeit der verschiedenen Konfessionskirchen, für den religiösen Frieden in der Gesellschaft zu sorgen, waren die Ursache, dass das öffentliche Leben der neuzeitlichen Gesellschaft sich in den wichtigsten Bereichen auf eine von den konfessionellen Gegensätzen und damit vom Christentum überhaupt losgelöste neue, säkularisierte Grundlage hin entwickelt hat. Der evangelische Theologie Wolfhart Pannenberg (München) sagt es deutlich und unmissverständlich: "Wo die Säkularisierung der Neuzeit die Form einer Entfremdung vom Christentum angenommen hat, da ist das nicht als ein äußeres Schicksal über die Kirchen gekommen, sondern als die Folgen ihrer eigenen Sünden gegen die Einheit, als Folge der Kirchenspaltung des 16. Jahrhunderts und der unentschiedenen Religionskriege des 16. und 17. Jahrhunderts, die den Menschen in konfessionell gemischten Territorien gar keine andere Wahl ließen, als ihr Zusammenleben auf einer von den konfessionellen Gegensätzen unberührten gemeinsamen Grundlage neu aufzubauen". Das heißt kurz und bündig: Da die Konfessionskirchen nicht fähig waren, Einheit und Frieden zu stiften, haben sich die Menschen von ihnen abgewandt, um selber ihre gemeinsame Lebensgrundlage zu finden. Wenn man diese harte, aber nicht zu widerlegende Diagnose ernst nimmt, dann eröffnet sich von selbst die entscheidende Lektion und Herausforderung für das gegenwärtige Christentum in den europäischen Gesellschaften. Soll nämlich wirklich wieder einmal das Christentum seine politische und seine gesamtgesellschaftliche  Bedeutung zurückgewinnen, wonach es keinesfalls aussieht, dann wird dies nicht anders möglich sein, als in der erneuerten Gestalt eines ökumenisch wiedervereinigten Christentums, in einer wieder versöhnten, vielfältigen Einheit; so haben es die beiden verstorbenen großen Theologen des vergangenen 20. Jahrhunderts, Karl Rahner und Heinrich Fries, formuliert. Denn nur wenn es den christlichen Kirchen gelingt, ihr eigenes Zusammenleben im ökumenischen Geist des Friedens und der Versöhnung zu gestalten, können sie auch glaubwürdig und wirksam für die Erhaltung, Förderung und Erneuerung des Friedens in den europäischen Gesellschaften wirken. Insofern darf und muss man den Prozess der ökumenischen Einigung der Christenheit als weitreichendsten und wichtigsten Beitrag des gegenwärtigen Christentums zur politischen und gesellschaftlichen Zukunft der Menschheit sehen und erachten. Sollte dies nicht gelingen, dann könnte eine Folge mit davon sein, dass  langsam das Staat-Kirche-Verhältnis in unserem Land ins Rutschen kommt. 

10.)   Neben allem Optimismus gilt es daher, realistisch auf dem Boden der Wirklichkeit zu bleiben, sonst stünde dieser auf tönernen Füßen. Der Besuch Papst Benedikts XVI. in Bayern konnte so einiges deutlich machen. Doch hege ich die Befürchtung, dass die Folkloreatmosphäre und die Eventstimmung verschiedene höherrangige blauäugige Kleriker und Schönschreiber nun von einer „Renaissance des Religiösen“ träumen lassen. Man will gar nicht die Realität wahrnehmen, dass es an den Rändern der Kirche gewaltig bröckelt und die Sinnsuche vieler nachdenklicher Menschen an Christentum und Kirchen weiterhin vorbei läuft. Auch die 15. Shell-Jugendstudie vom September 2OO6 bestätigt, was seit einiger Zeit Soziologen und Gesellschaftswissenschaftler immer wieder verdeutlichen, dass von einer „Renaissance der Religion“ überhaupt nicht die Rede sein kann, doch 67% der jungen Leute es für gut finden, dass es die Kirchen gibt. Die Kirchen werden insofern von den jungen Leuten zwar als moralische Instanz gut bewertet, haben aber auf das tägliche Leben keinerlei Einfluss. Deren Religiosität besteht aus Versatzstücken einer „Religion light“, für ihre Lebensführung sind säkularisierte Werte entscheidend. So steht auch zu befürchten, dass beim Papstbesuch die Benedetto-Rufe, der „Sakralpop“ und die Überschwänglichkeiten vergessen ließen, was der nicht gerade gemütliche Inhalt der Predigten des Papstes eigentlich mit auf den Weg geben sollte, indem er nicht moralisierte, sondern z. B. von der Gleichgültigkeit und Schwerhörigkeit gegenüber Gott sprach. Auf diese Weise führten seine Worte zu einer neuen Nachdenklichkeit, so dass sich auch Kirchenferne und Außenstehende (wie z. B. „Kaiser“ Franz Beckenbauer) eingeladen wissen, sich mit Religion und Kirche wieder auseinandersetzen. Dies kann ein Beleg dafür sein, dass der christliche Glaube durchaus in der Lage ist, suchenden Menschen Wege zu einem erfüllten Leben aufzuzeigen, sofern die Kirchen sich dafür öffnen.    

 Diese zehn Eckpunkte konnten verdeutlichen, dass die Menschen um so mehr (wieder) in die Innenbereiche der Kirche hineinkommen werden, je mehr sie spüren, wie Christen und Kirchen absichtslos mit ihnen umgehen, ihr Bestes wollen, auch und gerade dann, wenn sie sich nicht integrieren, aber durchaus gewillt sind, ein Stück des Weges mitzugehen. Religion ist also durchaus gefragt. Dies wird auch deutlich an verschiedenen Äußerungen des agnostischen Philosophen Jürgen Habermas. Bei seinem viel beachteten Gedankenaustausch mit Joseph Kardinal Ratzinger, dem heutigen Papst Benedikt XVI., im Januar 2004 in der Katholischen Akademie in München, der erstaunliche Konvergenzen der beiden Gesprächspartner offenbarte,  wurde er sehr deutlich und dezidiert, indem er darlegte, „das Phänomen des Fortbestehens der Religion in einer sich weiterhin säkularisierenden Umgebung ist mehr als eine bloße soziale Tatsache“. Und bei einer anderen Gelegenheit machte er deutlich: „Die säkularen Bürger erkennen, dass sie es sich zu leicht gemacht hatten, als sie die religiösen Zeitgenossen als Exemplare einer aussterbenden Spezies und das Grundrecht auf freie Religionsausübung als Sorte von Artenschutz betrachteten“ (aus: Dankesrede zur Entgegennahme des Staatspreises des Landes Nordrhein-Westfalen im Herbst 2OO6).  

Und deshalb ist es höchst bedenklich, wenn ein nicht geringer Teil der Seelsorger ihre Pastoral nur auf die ausrichten, die sowieso kommen und da sind. Solche Priester gleichen schlicht Vereinsvorsitzenden, die ihre Aufgabe darin sehen, sich nur um ihre eigenen Mitglieder zu kümmern. Heutige Pastoral aber muss mit den Menschen einladend kommunizieren. Wenn eine Ortskirche nicht mehr wachsen will, dann ist dies schier unerträglich und schlicht nicht zu akzeptieren. Es sei an ein Wort von Karl Rahner erinnert, das dieser bereits 1977 geschrieben hat: „Für die Kirche der Zukunft ist es wichtiger, einen Menschen von morgen für den Glauben zu gewinnen, als zwei von gestern im Glauben zu bewahren“. Mit einer makabren  „Dramatik der Allmählichkeit“ (DBK) ist somit die Kirche ins Rutschen gekommen. Und nicht wenige sind der Meinung, wenn die Bischöfe weiterhin so agieren, wie sie agieren, fahren sie das System Kirche gegen die Wand. Denn es ist geradezu beängstigend, wie widersprüchlich und teilweise schwächlich große Teile des Episkopats und des Klerus sowie gewisse Gruppierungen im Kirchenvolk auf den nicht mehr zu übersehenden Paradigmenwechsel reagieren. „Immer mehr leide ich an der Hilflosigkeit und oft auch geringen Lernbereitschaft (ausculta auch in diesem Sinn!) vieler, die in der Kirche das Sagen haben“ (Erzbischof em. Karl Braun = mein früherer Bamberger Heimatbischof).

 6.   Wieder die „Rede von Gott“ wagen

 In einer „Diaspora der dritten Art“ ist also Toleranz das mindeste im Umgang miteinander, auch wenn sie nicht immer so leicht zu realisieren ist. Warum sollte nicht ein gutes Miteinander zwischen Menschen praktizierbar sein, die einesteils Christen, andernteils areligiös sind? Jeder Mensch ist ja wesentlich anders Mensch; der konkrete Mensch ist nie weniger Mensch, sondern eben anders Mensch als jeder andere. Dieses Anderssein des Anderen wird in einer „Diaspora der dritten Art“ eben zu respektieren sein. Es geht dabei keineswegs darum, sich gegenseitig in einem schiedlich-friedlichen Nebeneinander in Ruhe zu lassen, sondern es geht vielmehr um einen Pluralismus des Mit- und auch Gegeneinanders, der allerdings von beiden Seiten im Extremfall fordert, in jedem Wort und in jeder Aktion für die andere Seite mitzudenken und dem „liebenden Kampf“ (Karl Jaspers) nicht auszuweichen. Dass diese Konstellation desto besser gelingt, je mehr auf allen Seiten eine profilierte Offenheit vorhanden ist, welche etwas ganz anderes ist als Standpunktlosigkeit einerseits oder Bunkermentalität andererseits, dürfte leicht einzusehen sein. Zur Wahrheit verpflichtet erkennen alle Beteiligten sich als Suchende in „statu viatoris“, die in gegenseitigem Respekt und vor allem im Respekt vor einem für alle letztlich Unverfügbaren vorwärts kommen.  

Der wichtigste Erfolg dabei wäre es allerdings, wenn ein Tabu gebrochen werden könnte, das sich bereits seit einiger Zeit nachhaltig und lautlos eingeschlichen hat. In unseren westeuropäischen Breiten sind nämlich die Auseinandersetzung und das rhetorische Tauziehen über die so genannten letzten Fragen und Dinge weit gehend verstummt. Über Gott wird ebenso wenig gesprochen wie über den persönlichen Kontostand. Und man hat geradezu den Eindruck, dass wir säkularisierten Europäer „zwar nicht mehr Gott fürchten, aber sonst alles auf der Welt“ (Johannes Dyba). Man hat in Europa das Christentum sozusagen verdursten lassen und lebt nun „vom Geruch der leeren Flasche“.  Deshalb kann in unseren Schulen und Universitäten, in Forschung, Politik und Wirtschaft, in den Massenmedien sowie in der Kunstszene eine gegenüber dem religiösen Phänomen völlig verständnislose, weithin abwertende und zum Teil arrogante Gesinnung dominieren. So werden auch ganz bewusst durch Verunglimpfung christlicher Symbole, gerechtfertigt mit künstlerischer oder publizistischer Freiheit, religiöse Überzeugungen vieler Menschen in den Dreck gezogen. Deshalb muss Kunstschaffenden und auch Journalisten ins Stammbuch geschrieben werden, dass zur Kunst- und Pressefreiheit eine selbstkritische Gesinnung gehört; denn wer schrankenlose Freiheiten verteidigt, schadet letztlich diesen selbst. Gerade für Kulturschaffende muss es Grenzen der Sittlichkeit und Menschlichkeit geben; Kunst steht eben nicht über der Moral. Gerade wir Christen müssen deshalb immer wieder selbstbewusst, klar und unaufgeregt, nicht aber kleinkindhaft und ängstlich nach einer Art Minderheitenschutz rufend, Stellung beziehen gegen eine „schamlose Schändung des Heiligen zu pseudokünstlerischen, in Wirklichkeit publizistisch-kommerziellen Zwecken“ (Hans Küng). Vielleicht wollen Skandalkünstler, um mit Bert Brecht zu sprechen, keine „irreligiösen Gefühle“ verletzen. Sie stellen jedoch einen Beweis dafür dar, wie vielen in unserer Gesellschaft die Sinne vernebelt sind. Wir Christen aber sollten von dem Selbstbewusstsein getragen sein, dass das Christentum jene Religion ist, die das Abendland geprägt hat und nicht darauf angewiesen ist, dass ein paar notorische Blasphemiker durch Verbote daran gehindert werden, ihre Erbärmlichkeit unter Beweis zu stellen. Leider aber haben wir Christen weit gehend die Sprache verloren für Erfahrungen und Erlebnisse, in denen, zuweilen blitzartig, zuweilen hintergründig, eine andere Wirklichkeit, nämlich die des Unverfügbaren, in unser Leben eintritt. Dieser Horizont des Unverfügbaren gerät mit dem Verschwinden einer ganzen Welt von Metaphern und Geschichten und mit dem ersatzlosen Ausfall des Wortes „Gott“ weit gehend aus dem Strahlbereich, auf den sich unser Fragen und Suchen richtet. Diesen letzten Quellgrund aller genuin menschlichen Bemühungen in der gesellschaftlichen Kommunikation wach zu halten und diese Wachheit in adäquate Formen zu bringen, war die Herausforderung aller Jahrhunderte vor uns. Es wäre verwunderlich und fatal, wenn diese Anstrengung in unserer Zeit plötzlich ein Ende fände  -  und das vielleicht auf eine Art und Weise, dass es kaum jemand bemerkt oder sogar für „normal“ hält. Ohne die christlichen Werte ist aber auch die Humanität in größter Gefahr.  Deshalb gehört es wesentlich zum Humanum in unserer Welt und Zeit, die Säkularisierungsthese zu überwinden und den Tabubruch, also wieder die „Rede von Gott“, zu wagen, und zwar auch gegen jeglichen religiösen und theologischen Relativismus.  

Und in diesem Zusammenhang ist angesichts des aktuellen islamistischen Terrorismus noch folgendes zu bedenken. Es ist eine Tatsache, dass die Islam-Extremisten, angeleitet von Hasspredigern, den Westen hassen. Weit mehr als Hass jedoch treibt sie Ekel. Sie ekeln sich vor einer verderbten, dekadenten menschlichen Natur und Kultur, die aus ihrer Sicht angeblich alles in den Schmutz zerrt, und zwar Religion wie Moral, die Intimität zwischen Gott und Mensch wie die zwischen Mann und Frau. Das Moslemsein wird für die technisch oft höchst kompetenten bärtigen jungen Männer wie für die verschleierten jungen Frauen zum Beleg geistiger Überlegenheit und ihres Selbstbewusstseins, und daher sind sie auch bereit, für die Transzendenz alles zu opfern; denn Allah ist groß. So erscheint demgegenüber alles als minderwertig, was  -  wie der westliche Mainstream  - am Geld, am Sex und am egoistisch-genussvollen Nur-sich-selber-verwirklichen-Wollen klebt. Dies führt dann zu einer Verachtung eines konformistisch-freizügigen Lebensstils. Somit hat auch in unseren Landen der Dschihad als geistiger „heiliger“ Krieg des Islam begonnen. Eine Zivilisation, die wie die unsrige ihr Christsein preisgibt und ihre eigenen Werte relativiert, weiß dem unterschwellig verbreiteten Vorwurf der „Ungläubigkeit“ intellektuell-emotional kaum etwas entgegenzusetzen und wirkt in den Augen der Muslime abstoßend. Die von verschiedenen Institutionen unserer Gesellschaft beinahe schon flehentlich vorgetragenen Appelle zu einem Nonkonformismus und zu einer Abkehr von Ungebunden- sowie Zügellosigkeit werden nicht nur von Moslems als das durchschaut, was sie sind: Floskeln ohne Widerstands- und Geisteskraft. Unsere europäische Zivilisation muss vielmehr, wie bereits angedeutet, als ein geistig und geistlich starker Partner auftreten und von seinen eigenen Vorzügen überzeugt sein. Nur so werden wir Respekt finden; nur ein seiner eigenen Werte bewusstes Europa kann nicht nur ein wirtschaftlich starker, sondern auch ein moralisch und geistig geachteter Partner sein. Analog dazu gilt es, auch die christlichen Fundamentalisten, Evangelikale wie Katholikale, einzuordnen. Sie sind kulturell-religiös homogen, kapseln sich lebensweltlich, zivilgesellschaftlich und ökonomisch ab und schaffen ihre eigenen Institutionen. Eins sind sie sich, auch wenn sie wie die radikalen Islamisten nicht bomben, in ihrer entschiedenen Gegnerschaft zu den in ihrer Sicht vom ursprünglichen Glauben und der Moral  abgefallenen Großkirchen.    

Es ist von daher nicht nur an der Zeit, wieder von Gott zu reden, an ihn zu glauben, an ihn zu denken und mit ihm zu feiern. Es ist auch Zeit, vor Gott zu arbeiten, um Gerechtigkeit zu ringen, ja auch um zu kämpfen. Wir Christen sind nicht Mitglieder eines privat-spirituellen, esoterischen Gottesvereins. Als Glaubende sind und bleiben wir Bürger, Staatsbürger. Mehr noch: Weltbürger. Denn auch Jesus hat sich ausgesetzt und sich nicht in einer behaglichen Spiritualität selbstgenügsam und wohltuend eingerichtet. Spiritualität mitten in Welt und Gesellschaft heute ist eben nicht mit Wellness zu verwechseln!

Univ.-Prof. em. Dr. Karl Schlemmer

                                                                                                                                       Bischöflich Geistlicher  Rat

 Quellen- und Literaturverweise 

Eugen Biser, Hat der Glaube Zukunft?  Patmos, Düsseldorf 1994. 

Eugen Biser, Glaubenserweckung. Das Christentum an der Jahrtausendwende. Patmos, Düsseldorf 2000. 

Eugen Biser, Der obdachlose Gott. Für eine Neubesinnung mit dem Unglauben. Herder, Freiburg-Basel-Wien 2005. 

Michael N. Ebertz, Erosion der Gnadenanstalt? Zum Wandel der Sozialgestalt von Kirche. Knecht, Frankfurt/M. 1998. 

Michael N. Ebertz,  Kirche im Gegenwind. Zum Umbruch der religiösen Landschaft. Herder, Freiburg-Basel-Wien  4/2001. 

Reinhard Hauke, Feier der Lebenswende  -  eine christliche Hilfe zur Sinnfindung für Ungetaufte, in: Anselm Bilgri / Bernhard Kirchgessner (Hrsg.), Liturgie semper reformanda (FS Karl Schlemmer). Herder, Freiburg-Basel-Wien 1997, S. 86-103. 

Walter Kardinal Kasper, Kardinal Karl Lehmann zu Ehren, in: Stimmen der Zeit, Nr. 8/2006, S. 507-515. 

Isabell Hoffmann, Crashkurs für Christen. Es muss nicht immer eine Messe sein, in: DIE ZEIT Nr. 22/2006, S. 13.

Leo Nowak (Hrsg.), Un-glaublich. Wege zum Glauben. Benno, Leipzig 2005. 

Karl Schlemmer, Auf der Suche nach dem Menschen von heute. Vorüberlegungen für alternative Seelsorge und Feierformen (Andechser Reihe, Band 3). EOS, St. Ottilien 1999. 

Karl Schlemmer, Ausverkauf unserer Gottesdienste? Ökumenische Überlegungen zur Gestalt von Liturgie und zu alternativer Pastoral (Studien zur Theologie und Praxis der Seelsorge, Band 50). Echter, Würzburg 2002. 

Karl Schlemmer, Die Gottsuche des Menschen heute angesichts der Situation der Kirchen in unserer Gesellschaft, in: Willibrord Godel / Anselm Bilgri (Hrsg.), Mönche und Nonnen. Dialogpartner für solche, die Gott ahnen und ihn suchen (Andechser Reihe, Band 5). EOS, St. Ottilien 2001, S. 81-96.  

Karl Schlemmer, Gottesdienst feiern in einer postmodernen säkularisierten Gesellschaft, in: Jürgen Bärsch/Bernhard Schneider (Hrsg.), Liturgie und Lebenswelt (FS Andreas Heinz).  Aschendorff, Münster 2006. 

Gerhard Schulze, Die Erlebnisgesellschaft. Knecht, Frankfurt 1992. 

Eberhard Tiefensee, Gesellschaft ohne Religion. Das Erbe von 40 Jahren DDR, in: Eckhard Jaschinski (Hrsg.), Das Evangelium und die anderen Botschaften. Situation und Perspektiven des christlichen Glaubens in Deutschland (Veröffentlichungen des Missionspriesterseminars St. Augustin bei Bonn, Band 47). Nettetal 1996, S. 55-86. 

Eberhard Tiefensee, Umfassende Identitätskrise. Zur geistigen Situation in Deutschland Ost, in: Herderkorrespondenz 52 (1998), Heft 4, S. 184-189.

Sylvia Wolff, Ankunft im Leben. Begegnungen auf dem Weg zu Gott. Benno, Leipzig 2004.
Jugend 2006.
15. Shell-Jugendstudie. Leske + Budrich, Opladen 2006.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 
 © Copyright back top