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Den Zeichen
Gottes in der Zeit nachspüren
(zu Joh 16, 29 – 33)
Predigt zum 60. Stiftungsfest des
CV-Ortszirkels in Aalen (12. 11.2OO6)
Treffen sich drei Pfarrer und erörtern das
Problem der Fledermäuse in ihren Kirchen. Der erste fing alle ein und
schaffte sie an einen fernen Ort. Doch kaum zurück, drehen die Viecher
schon wieder ihre Runden in der Kirche. Der zweite versuchte es mit
Schrot und Korn. Der Erfolg beschränkte sich auf zerschossene
Stukkaturen. Der dritte hat's geschafft: er taufte und firmte alle -
und sie wurden nie mehr gesehen.
Das Vorgehen dieses
dritten Pfarrers in der witzigen Geschichte, die ich vor längerer Zeit
in der „Schweizerischen Kirchenzeitung“ fand, zeigt uns eine kirchliche
Situation auf, die zu denken geben muss. Ob Firmung oder Konfirmation,
früher einmal Abschluss der Einführung in ein selbst verantwortetes
Christenleben, beide sind heute fast durchweg zu einer faktischen
Verabschiedung aus dem Raum kirchlicher Gemeinschaft und christlicher
Lebensorientierung geworden. Die in den südlichen Bundesländern unserer
Republik noch einigermaßen erkennbaren volkskirchlichen Strukturen
vermögen nicht mehr länger darüber hinweg zu täuschen, dass die
Weitergabe des christlichen Glaubens sich heute in einer tiefen Krise
befindet, und wir uns auf einem direkten Weg in eine Gesellschaft ohne
Gott bewegen. Der im März vor zwei Jahren leider verstorbene Wiener
Kardinal Franz König sagte es bei einer Gastvorlesung an unserer
Passauer Universität, zu der ich ihn eingeladen hatte, ganz deutlich,
dass Europa der säkularisierteste Kontinent der Erde ist. In dieser
Gesellschaft gibt es keine homogene Grundlage spiritueller, religiöser
und ethischer Überzeugungen, von denen alle geleitet werden; dies konnte
ja das ganze Trauerspiel über die Aufnahme eines Gottesbezugs in die
geplante Europäische Verfassung vor wenigen Jahren verdeutlichen. Der
Vorrat an gemeinsamen Glaubensüberzeugungen ist eben weitgehend
erschöpft oder wenigstens verringert. Die Substanz gemeinsamer Werte
bröckelt immer mehr ab. Selbst der allenthalben feststellbare Boom des
Religiösen erweist sich bei genauerem Hinsehen als zweifelhafter Trost,
befinden wir uns doch in einer Zeit der „religionsfreundlichen
Gottlosigkeit, in einem Zeitalter der Religion ohne Gott“. Denn das
religiöse Interesse läuft weithin an Christentum und Kirchen vorbei und
hinein in ein Neuheidentum, das viele Gesichter und Facetten hat. Ein
Zeichen dieses Neuheidentums ist z. B., dass man im November beim
christlichen Martinszug in einem anschließenden „Laternenfest“ die
germanische Naturgöttin „Bercht“ als Mythengestalt auftreten lässt, oder
eine egoistische, esoterische und privatistische Spiritualität pflegt,
die sich genussvoll um sich selber dreht. Es geht hier allein um
Selbstfindung und Seelenbefindlichkeit, um die Pflege und Abgrenzung des
eigenen Seelengärtleins. Und so sind auch ganze Teile von uns Christen
- vielleicht sogar wir selbst - auf diese Weise zu
„Schönwetterchristen“ degeneriert, welche die Kirchen als
Selbstbedienungsladen zur Bedürfnisbefriedigung betrachten und ihre
Dienste bei Taufe, Trauung und Beerdigung einfordern und konsumieren,
man zahlt ja schließlich seine Kirchensteuer.
Hinzu kommen dann noch gesellschaftliche und technische Vorgänge und
Entwicklungen von einer ungeheuren und für mich ungeheuerlichen
Tragweite. Denken wir hier nur an die Tatsache, dass in Holland und
Belgien von Parlament und Senat ein Gesetz für aktive Sterbehilfe
verabschiedet wurde und der Stadtrat von Zürich in der Schweiz in den
städtischen Alters- und Pflegeheimen ebenfalls aktive Sterbehilfe zuläßt.
Es geht also der „weiße Tod“ um. Solche Vorgänge kommen einem ethischen
Dammbruch gleich. Und dort, wo Todespille und Todesspritze eine
Realität, eine Wirklichkeit sind, ist für mich diese Gesellschaft von
einer eindeutigen Verrohung gekennzeichnet. Denn wie lange wird es
dauern, bis man dann offen über das Lebensrecht von psychisch Kranken,
Behinderten und alten Menschen diskutiert, weil den sozialen Systemen
das Geld ausgeht, und weil diese Menschen der Gesellschaft zur Last
fallen und deshalb ausgesondert und „entsorgt“ werden müssen.
Oder denken wir hier
auch an die Versuche, etwa im Bereich der Biotechnik menschliches Leben
zu manipulieren. Das universale Menschenrecht und die Menschenpflicht
zur Unantastbarkeit des Lebens werden gegenwärtig in vielen Bereichen
massiv aufgeweicht. Dürfen wir zum Beispiel menschliche Stammzellen
therapeutisch klonen, um unheilbar Kranke zu behandeln? Ich bin mir
durchaus bewusst, dass die Gentechnik ein sehr komplexer Problembereich
ist, über den eine ethische Diskussion ohne Schwarz-weiß-Malerei absolut
notwendig erscheint. Eine Selbstbeschränkung der Menschen aus ethischen
Gründen ist nämlich gerade in der Gentechnik nicht zu erwarten. Denn
diese macht ihnen tendenziell ein Versprechen, dem sie nicht widerstehen
können. Wenn es schon nicht die Unsterblichkeit ist, dann doch eine
immense Verlängerung des Lebens bei körperlicher Gesundheit dank
Genmanipulation. Wir leben also in einer Zeit, in welcher der Mensch wie
nie zuvor die Herrschaft über die Schöpfung an sich zu reißen versucht.
Und hier hat unser früherer, inzwischen verstorbener Bundespräsident
Johannes Rau in einer seiner markanten Berliner Reden (2001) aus seiner
Verantwortung als bekennender Christ heraus klare Grenzen gezogen und
ganz entscheidende Fragen gestellt: Wieweit darf der Mensch seinem
Schöpfer ins Handwerk pfuschen? Sind die Grenzen in vielen Bereichen
nicht schon längst ausgereizt? Ist der Rubikon nicht bereits auf
verschiedenen Ebenen überschritten? Dürfen wir uns wie die Herren der
Welt benehmen und unsere Begrenztheit vergessen? Darf der Mensch alles,
was er kann?
Vergessen werden darf
aber auch nicht, wie verrückt sich gerade die gesellschaftliche
Entwicklung in der Arbeitswelt und in der Wirtschaft darstellt. Der
Arbeitnehmer wird zu einem Jobhopper ohne Heimat und somit zum
Arbeitsgerät herabgewürdigt. Und es ist letztlich ein Skandal, dass der
Börsenkurs, das neue Evangelium für so viele Zeitgenossen, dass also der
Börsenkurs von Unternehmen steigt, je mehr Arbeitnehmer dort entlassen
werden. Dass deren Manager sich dazu noch die Millionen schamlos in die
eigene Tasche stecken, wie unlängst bei Siemens angekündigt, ist für
mich nichts anderes als eine sittliche Verwahrlosung und
Charakterlosigkeit. Es geht fast ausschließlich um Profit auf den
verschiedensten Ebenen, Mensch und Kultur bleiben dabei auf der Strecke.
Dazu ein warnender Hinweis des Bundesverfassungsrichters Udo di Fabio:
„Wenn sich der Gesetzgeber bei Gesetzgebungsinitiativen für mehr
verkaufsoffene Sonntage zum Anwalt eines religionsvergessenen Trends in
Teilen der Gesellschaft macht, verlässt er die verständnisvolle
Neutralität“; eine Folge mit davon wäre, dass dann langsam das
Staat-Kirche-Verhältnis in unserem Land ins Rutschen kommt.
Und in einem weiteren
Zusammenhang - dies wird ja heute im Festvortrag ausführlich bedacht
werden - ist angesichts des aktuellen islamistischen Terrorismus noch
folgendes zu bedenken. Es ist eine Tatsache, dass die Islam-Extremisten,
angeleitet von Hasspredigern, den Westen hassen. Weit mehr als Hass
jedoch treibt sie Ekel. Sie ekeln sich vor einer verderbten, dekadenten
menschlichen Natur und Kultur, die aus ihrer Sicht angeblich alles in
den Schmutz zerrt, und zwar Religion wie Moral, die Intimität zwischen
Gott und Mensch wie die zwischen Mann und Frau. Das Moslemsein wird für
die technisch oft höchst kompetenten bärtigen jungen Männer wie für die
verschleierten jungen Frauen zum Beleg geistiger Überlegenheit und ihres
Selbstbewusstseins, und daher sind sie auch bereit, für die Transzendenz
alles zu opfern; denn Allah ist groß. So erscheint demgegenüber alles
als minderwertig, was - wie der westliche Mainstream - am Geld, am
Sex und am egoistisch-genussvollen Nur-sich-selber-verwirklichen-Wollen
klebt. Dies führt dann zu einer Verachtung eines
konformistisch-freizügigen Lebensstils. Somit hat auch in unseren Landen
der Dschihad als geistiger „heiliger“ Krieg des Islam begonnen. Eine
Zivilisation, die wie die unsrige ihr Christsein preisgibt und ihre
eigenen Werte relativiert, weiß dem unterschwellig verbreiteten Vorwurf
der „Ungläubigkeit“ intellektuell-emotional kaum etwas entgegenzusetzen
und wirkt in den Augen der Muslime abstoßend. Die von verschiedenen
Institutionen unserer Gesellschaft beinahe schon flehentlich
vorgetragenen Appelle zu einem Nonkonformismus und zu einer Abkehr von
Ungebunden- sowie Zügellosigkeit werden nicht nur von Moslems als das
durchschaut, was sie sind: Floskeln ohne Widerstands- und Geisteskraft.
Unsere europäische Zivilisation muss vielmehr, wie bereits angedeutet,
als ein geistig und geistlich starker Partner auftreten und von seinen
eigenen Vorzügen überzeugt sein. Nur so werden wir Respekt finden; nur
ein seiner eigenen christlichen Werte bewusstes Europa kann nicht nur
ein wirtschaftlich starker, sondern auch ein moralisch und geistig
geachteter Partner sein.
Und in genau dieser
gesellschaftlichen und religiös-sittlichen Verfasstheit stehen wir
Christen vor der Herausforderung, wie denn diese Brüche und Spannungen
überbrückt werden können. Ich denke, da braucht nichts von außen her an
die kirchliche Lebensgemeinschaft herangetragen zu werden. Es genügt
vielmehr die Wiederentdeckung der immer schon bestehenden und in den
Herzen der glaubenden Menschen wirkenden Instanz, die Besinnung auf den
inwendigen Lehrer. Diesen Begriff hat der hl. Augustinus in seiner
Frühschrift „De magistro“ (über den Lehrer) geprägt und er meint damit
einen spirituellen, geistlichen Beistand, nämlich den in den Herzen
aller Wahrheitsliebenden wohnenden Christus. In unserer Zeit nimmt nun
der bekannte Religionsphilosoph und Theologe Eugen Biser (in München)
diesen Begriff des inwendigen Lehrers wieder auf. Dieser inwendige
Lehrer Christus macht uns nämlich bewusst - und dies ist für die
derzeitige Glaubenssituation so unendlich wichtig - ,dass das
Christentum nicht Ordnungsmacht, sondern Lebenshilfe ist, dass
Christsein nicht Unterwerfung unter ein Regelsystem, sondern Freiheit
bedeutet, und dass der Glaube keine lästige Pflicht, sondern eine
einzigartige Vergünstigung und das denkbar größte Lebensglück darstellt.
Wer aber erst einmal begriffen hat, was es heißt, dass wir nicht glauben
müssen, sondern glauben dürfen, und dass
christlicher Glaube demgemäß vor allem als unerschöpfliche Quelle des
Trostes, der Ermutigung und Freude verstanden sein will, der hat auch
schon ansatzweise das schwerste Hindernis überwunden, das sich dem Reich
Gottes (2 Kor 2, 14) durch die heutige Welt entgegenstellt. Und dieses
Hindernis besteht nicht im Atheismus, der in seiner militanten Form
auffällig verstummt und geradezu banal und schal geworden ist, ebenso
wenig besteht es im Fortgang des Säkularismus, der der Sache Jesu nicht
nur geschadet, sondern zugleich auch Vorschub geleistet hat; dieses
Hindernis besteht vielmehr in einem innerkirchlichen Stimmungsabfall. Es
ist die depressive Verstimmung und die weit verbreitete Resignation,
welche die Glaubenskraft wie eine heimlich wirkende Säure zersetzen.
Christentum und Kirchen sind zu einem Sanierungsfall geworden. Schlicht
und kurz ausgedrückt: es fehlt uns die Glaubensfreude!
Wenn man bedenkt, dass
das Christentum den Siegeszug, den es während der ungemein erschwerten
Bedingungen seiner Frühzeit antrat, der Tatsache verdankt, dass es eine
Hoffnungsperspektive eröffnet hat, wo eine stille Verzweiflung um sich
griff, und dass es Freiheit verkündet hat, wo der Glaube an eine blind
waltende Schicksalsmacht die Gemüter lähmte, dann liegt hier, und
nirgendwo anders, die windstille Mitte der heutigen Kirchen- und
Glaubenskrise.
Das Christentum
besitzt ja auch in unserer Zeit ein enormes Hoffnungspotential, das aber
bereits seit einiger Zeit nicht abgerufen wird. Zudem besteht in einigen
Diözesen die große Gefahr, dass die unvermeidlichen Sparmaßnahmen eine
bleierne Atmosphäre, Resignation und letztlich Auswanderung gerade der
Engagierten aus unserer Kirche verursachen. Mehltau hat sich
verschiedentlich über unsere Kirche gelegt, weil Reformen am Unvermögen
vieler Verantwortlicher scheitern, denen zur Durchsetzung ihres
vorkonziliaren klerikalen Kirchenbildes die Sparzwänge höchst willkommen
sind. Dies aber führt in keine gute Zukunft, weil dabei die von Papst
Johannes XXIII. angemahnten „Zeichen der Zeit“ übersehen und die sich
reichlich auftuenden Chancen nicht erkannt werden. Wir müssen also den
Zeichen Gottes in der Zeit nachspüren. „Unserer Kirche in der
Bundesrepublik fehlt etwas; es fehlt ihr das Bewusstsein, neue Menschen
für den Glauben zu gewinnen“, so sagte es vor einiger Zeit Bischof
Joachim Wanke von Erfurt. Es geht also um ein im besten Sinn des Wortes
radikales und begeisternd mitreißendes Christsein, das auch die lähmende
und angesäuerte Kirchenmigräne überwindet. Dieses missionarische
Bewusstsein gilt es zu wecken; denn „für die Zukunft der Kirche ist es
wichtiger, einen Menschen von morgen für den Glauben zu
gewinnen, als zwei von gestern im Glauben zu bewahren“.
Dieser bereits im Jahr 1977 formulierte und harzige Satz von Karl Rahner
schärft den Blick dafür, dass wir in der heutigen Zeit gemäß dem Auftrag
unseres Herrn eine missionarische Kirche werden müssen, die, will sie
überleben und nicht zu einer Sekte verkommen, sich selbstbewusst um
Menschen kümmern muss, die ihr fern stehen oder ungetauft sind. Wie dies
gehen kann, können wir im Osten unserer Republik lernen: ich nenne hier
nur die Erfurter Projekte von Bischof Wanke mit dem „Weihnachtslob“ und
meines Schülers, des früheren Dompfarrers und jetzigen Weihbischofs Dr.
Reinhard Hauke, mit der „Feier der Lebenswende“ für ungetaufte
Jugendliche, der Segnungsfeier am Abend des Valentinstages für Menschen,
die partnerschaftlich unterwegs sind, dem „Monatlichen Totengedächtnis“
für Hinterbliebene, die ihre Verstorbenen haben „entsorgen“ und in einem
Friedwald verstreuen lassen und der am 3O. September erstmals gefeierten
Krankensegnung für Ungetaufte im Erfurter Dom, zu der über 12O
Konfessionslose kamen, oder das Zeugnis des wiedererstandenen Klosters
Helfta am Rand der Lutherstadt Eisleben.
Diese Dimensionen
wurden mir vor wenigen Wochen auf einmal ganz klar bei einer Begegnung
mit neu getauften Erwachsenen der Diözese Magdeburg in Kloster Helfta.
Da wurde man Zeuge der inneren Prozesse, der Suche und der Sehnsucht,
bis hin zum Ruck, zum Ja zur Taufe. Was diese Neuchristen an
Glaubensfreude vermittelt und ausgestrahlt haben, machte mich, der ich
fünf Tage nach meiner Geburt getauft wurde und dann „schlicht und
einfach“ in die Kirche hineinwuchs oder auch nicht, sehr nachdenklich
und demütig.
Wenn es also gelingt,
hier bei uns einen Wandel herbei zu führen, wird die Krise von ihrer
Wurzel her überwunden sein. Alles ist somit, einfacher ausgedrückt, an
der Wiedererweckung der Glaubensfreude gelegen. Sie aber kann nicht
herbeigeredet, sondern zuletzt nur herbeigebetet werden. Herbeigebetet
durch die Anrufung des inwendigen Lehrers Christus. Seine Antwort ist
uns längst gegeben, sie muss nur mit neuen Ohren gehört werden. Seine
Worte wirken, als hätten sie geradezu auf die glaubensgeschichtliche
Situation der Gegenwart gewartet; so hat es im Jahr 1939 auch der
Schriftsteller Werner Bergengruen gesehen. „In der Welt habt ihr Angst“,
sagt Jesus in unserer Evangeliumsperikope, „doch habt Vertrauen, ich
habe die Welt überwunden“ (Joh 16, 33). Und ein Kapitel vorher können
wir im vierten Evangelium nach Johannes von ihm lesen: „Nicht mehr
Knechte nenne ich euch, Freunde habe ich euch genannt, weil ich euch
alles gesagt habe, was mir von meinem Vater mitgeteilt worden ist“ (Joh
15, 15). Und durch seinen Zeugen Johannes versichert er: „Furcht ist
nicht in der Liebe, vielmehr treibt die vollkommene Liebe die Furcht
aus. Denn die Furcht rechnet mit Strafe, und wer sich fürchtet, dessen
Liebe ist nicht vollendet“ (1 Joh 4, 18). Und wir sollten nicht
vergessen, was einmal der unvergessene selige Papst Johannes XXIII.
gesagt hat: „Wer glaubt, der zittert nicht! Er überstürzt nicht die
Ereignisse, er ist nicht pessimistisch eingestellt, er verliert nicht
die Nerven. Glauben - das ist die Heiterkeit, die von Gott kommt!“
Wenn sich unser Glaube
davon berühren, davon bestimmen und tragen lässt, wird er etwas von
seiner anfänglichen Faszination und Zuversicht zurückgewinnen. Und er
wird die Kraft haben, einer rat- und perspektivlosen Welt die
Antwort zu geben, auf die sie sehnsüchtig wartet. Was heißt das aber
konkret?
Wie von selbst
konzentriert sich dabei der Blick auf den, den der Hebräerbrief
dezidiert den „Wegbereiter und Vollender unseres Glaubens“ (Hebr 12, 2)
nennt. Denn die erhoffte Orientierung für unseren christlichen
Lebensentwurf geht von ihm selber aus: vom Blick seiner Augen, vom Wort
seines Mundes, von der Tat seiner Hände und von der Liebe seines
Herzens. Er bietet diese Orientierung somit in erster Linie nicht in
Form von Lehren, Dogmen und Auskünften über Gott und die Welt, Anfang
und Ende, Himmel und Hölle, sondern dadurch, dass er den Himmel dieser
nur zu oft zur Hölle gewordenen Erde näher gebracht hat. Denn der
„Wegbereiter und Vollender unseres Glaubens“, Christus der inwendige
Lehrer, hat gewusst, dass dem von Schicksalsschlägen getroffenen, vom
Lebensleid gebeutelten und so oft genug um sein Glück betrogenen
Menschen nur mit der Verkündigung und Bezeugung des „neuen“ Gottes zu
helfen ist. Und dies ist der Gott der bedingungslosen Liebe, zu dem wir
nicht zitternd, sondern mit kindlichem Vertrauen aufblicken dürfen, wie
es in seiner Enzyklika „Deus caritas est“ Papst Benedikt XVI. so
ausdrucksstark formuliert hat. Dieser „neue“ Gott ist der Gott, der uns
Halt und Trost auch dann gibt, wenn sich alles gegen uns zu verschwören
und alles um uns zu verfinstern scheint. Wenn dieser Gott der Grund
unseres Glaubens ist, dann ist dieser Glaube auch stabil und mobil und
von daher zukunftsfähig. Und zudem können wir mit diesem Glauben den
Himmel der Erde näher bringen, und wir können auf diese Weise den von
Zukunftsängsten befallenen und nach Sinn und Lebensglück suchenden
Zeitgenossen aufzeigen, dass es für sie Grund zur Hoffnung gibt: nämlich
zur Hoffnung durch die Kraft des Glaubens. Wie sagte es doch einmal
Eugen Biser auf einem unserer Passauer Symposien „Liturgie und Ökumene“:
„Das Christentum ist
die Liebeserklärung Gottes an die Welt und an den Menschen“.
Karl Schlemmer
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